Wer Kinder bekommt, muss nicht erst zum Psychologen

„Wer Kinder bekommt, sollte erst einmal psychologisch abgeklärt werden.“

Michael Nast, ein deutscher Autor und Kolumnist, zitiert diese steile These seiner Bekannten. 
Allerdings tut er das nicht, um sich von der These zu distanzieren, sondern um sie zu proklamieren und zu erklären, warum er sie für sinnvoll hält. Das tut er nicht nur in dem Reel, auf das ich mit diesem Text reagiere, sondern auch in seinem Buch, das erst im Februar rauskommt und das ich entsprechend noch nicht gelesen habe. Aber mir reicht auch schon das Reel, um seinen darin geäußerten Thesen laut und deutlich zu widersprechen
Dieser Beitrag besteht aus 
  • meinen Kommentaren zu Nasts Reel und Beitrag auf Instagram,
  • einem weiteren Kommentar von mir aus der Diskussion unter seinem Post zum Thema Elternführerschein bzw. der Frage, ob nicht Kindererziehung ein Schulfach werden sollte
  • und aus meiner Gegenthese: Eltern brauchen eher Ermutigung und Unterstützung als Therapie!

Worum es geht

Am 11. Juni 2023 veröffentlichte Michael Nast einen Teil aus seinem neuen Buch, das jetzt im Februar erscheint, in einem Reel unter der Überschrift „Brauchen wir einen Elternführerschein?“ Er argumentiert darin, warum man erst einmal zum Psychologen gehen sollte, wenn man Kinder bekommt:
1. Wenn Eltern ihre inneren Konflikte nicht aufarbeiten würden, gäben sie diese einfach an ihre Kinder weiter – häufig unbewusst
2. Man sollte jedoch sehen können, welche Verletzungen man einem anderen Menschen zufüge mit manchen Verhaltensweisen und dafür bräuchten Eltern psychologisches Grundwissen als Fundament jeder Kindererziehung.
3. Es sei leichter, Kinder auf seelisch gesunde Art erziehen, als einen seelisch geschädigten erwachsenen Menschen zu therapieren.
4. Der Staat könne psychologische Kurse zur Kindererziehung anbieten und deren erfolgreichen Abschluss mit einer Verdoppelung des Kindergeldes verknüpfen.
5. Kinder bildeten „irgendwann“ unsere Gesellschaft, sagt Nast. Wer Kinder vernachlässige, vernachlässige unsere Zukunft.
 
Nast endet mit den Worten: „Genau so muss man das sehen. Und nicht anders.“

Mein erster Kommentar

Dieses Reel kommentierte ich mit meinem Instagram Account @steffi_diefamilienfrau folgendermaßen:
Nein.  Einfach nein. Vor allem nicht dieser Inhalt unter der Bezeichnung  „Elternführerschein“!
Ein Führerschein ist eine Qualifikation, bei der man Regeln lernt und unter Anleitung übt. Was sind die (allgemeingültigen) Regeln von Elternschaft? Wie übt man sie in einem Kurs?! Ich glaube, man lernt Elternschaft, indem man am Familienleben teilnimmt – nicht erst, wenn man selbst Kinder bekommt, sondern schon  bei Verwandten und Bekannten, während des Aufwachsens. Wir brauchen Netzwerke, in denen Kinder mit verschiedenen Generationen aufwachsen, in denen über Familienleben und Elternschaft reflektiert wird, in denen  miteinander über Belastungen und Probleme ausgetauscht und nach Entlastung gesucht wird und wo Ermutigung stattfindet genauso wie ein klares Wort, wenn etwas nicht gut läuft oder sogar katastrophal! Gemeinsame Erziehungsverantwortung als Begleitung von Familien (Eltern UND Kindern) ist mMn der Schlüssel, nicht Kurse in einem isolierten Zeitfenster bevor die Konfrontation mit dem eigenen Selbst, mit Grenzen und Verhaltensweisen in der Elternschaft beginnt! Ja, Wissen ist gut.  Aber Wissen ohne Praxis macht besserwisserisch. Und um zu erkennen, dass  ein finanzieller „Anreiz“ dafür letztendlich in einer doppelten  Benachteiligung für alle KINDER endet, deren Eltern (z.b. aufgrund psychischer Belastungen) nicht an so einem Kurs teilnehmen können, braucht man nur kurz weiterdenken. Deshalb ist die Argumentationskette  im Reel aus meiner Sicht sehr gefährlich und sie zielt eben eigentlich  auf verordnete Reflexion um eine bessere Menschheit zu werden, nicht auf  einen „Führerschein“, um sich in einem geregelten System zurechtzufinden. Und der Versuch mit der „besseren“ Menschheit hat  bisher eher unsere schlechtesten Seiten zum Vorschein gebracht, nicht unsere guten gestärkt. Lasst uns mehr werben für eine Gemeinschaft, die  zerbrochene Menschen mitträgt statt sie zu verurteilen, die sie und ihre  Angehörigen auf Augenhöhe begleitet statt sie zu verurteilen und zu  benachteiligen! 💚“

And again

Am 29.1.2024 wiederholte Nast das Reel zusammen mit einem Foto von seinem Buch in einem Post. Wieder kommentierte ich als @steffi_diefamilienfrau:
„Ich wiederhole meinen Kommentar, den ich unter das Original-Reel geschrieben habe: Nein, einfach nein. Elternschaft ist kein Job, für den man sich qualifizieren muss. Elternschaft, Familie basiert auf Menschlichkeit. Menschlichkeit beinhaltet, dass wir alle einen Schaden haben. Die einen mehr, die anderen weniger. Menschlichkeit bedeutet, dass wir aufeinander angewiesen sind. Menschlichkeit bedeutet, dass wir alle gemeinsam Verantwortung tragen, nicht nur Eltern. Jedes Elternteil, das (psychologische) Hilfe in Anspruch nehmen möchte, sollte sie bekommen. Vielleicht können wir mal damit anfangen, das durchzusetzen. Und dann checken wir vielleicht, dass keine Behandlung oder Beratung der Welt uns zu perfekten Menschen machen wird. Dass eine Therapie NICHT bedeutet, dass man hinterher den eigenen Kindern keinen Schaden zufügt oder dass sie ohne Schaden durchs Leben kommen werden. Wir haben das NICHT in der Hand. Forderungen, nach denen nur Menschen Eltern werden dürften, die mal beim Psychologen waren, sind ignorant, ableistisch, klassistisch und unglaublich eurozentrisch. Bitte lest, was Resilienz bedeutet. Bitte beschäftigt euch mit Scham. Bitte hört auf, Elternschaft in ihrer Bedeutung zu verherrlichen. Bitte seid freundlich und ermutigend statt verurteilend. Bitte lasst uns nicht versuchen, die besseren Menschen zu sein. Lasst uns einfach Menschen sein. Nicht mehr und nicht weniger!“

Aber wäre ein Elternführerschein nicht etwas Gutes?

In den Kommentaren unter beiden Instagram-Beiträgen wurde das Thema Elternführerschein und auch Nasts Idee von Therapie als Voraussetzung für Elternschaft von vielen positiv aufgegriffen und weiterentwickelt bis hin zum Vorschlag, Kindererziehung könne ja ein Schulfach werden.
Hier meine Antwort darauf:
„Und wie genau läuft dann das Schulfach? Theoretische Kindererziehung? Oder doch praktische Übungen? Mit welchen Kindern? Oder Gruppentherapie? Denn darum ging es ja im Reel: den Besuch beim Psychologen. Und wenn ich mir dann anschaue, wie hoch der Anspruch an Elternschaft ohnehin schon ist und welchen Effekt das auf Eltern (und in der Folge auch auf ihre Kinder!) hat, und mir dann insbesondere die Eltern anschaue, die sich wegen viel Ratgeber-Literatur im Vorfeld von Elternschaft oder wegen einer Ausbildung in dem Bereich gut vorbereitet glauben und die BESONDERS unter der Diskrepanz von Anspruch und Realität leiden und ach ja, wenn ich dann noch an die Kritik am Schulsystem insgesamt denke, dann scheint mir die Schule nicht so ganz der richtige Ort für diese Idee zu sein… und wir haben ja noch gar nicht von der Entwicklungsphase der Jugendlichen gesprochen, die da gerade beschult werden sollen geschweige denn davon, wie eigentlich deren Beziehung zu ihren Eltern aussieht… ich bin skeptisch, merkt man vielleicht.“
 
Als ich selbst das noch mal gelesen habe, musste ich ein bisschen lachen.
 
Als hätte ich nicht in den letzten 2 Jahren intensiv konkrete Juleica-Bausteine vorbereitet, in denen Jugendliche unter anderem etwas über Entwicklungspsychologie, Lebensweltorientierung und Gruppenpädagogik lernen.
 
Als würde ich nicht gerade ein Unternehmen aufbauen, dessen Ziel es ist, Seminare für Eltern anzubieten.
Naja, das stimmt nicht ganz, es sind Seminare für die ganze Familie. Und in ihnen geht es – tadaaa – um psychologisches Grundwissen. Allerdings nicht nur. Denn ich halte psychologisches Grundwissen nicht für das Fundament jeder Kindererziehung. Jahrhundertelang waren das nicht Psychologie, sondern Philosophie, Theologie und meinetwegen auch Psychagogik – also die Kunst, die eigene Seele zu führen. Das Fundament jeder Kindererziehung sind Beziehungen. Die nicht nur mit Psychologie zu tun haben, sondern auch mit Pädagogik, Soziologie, Bildung und Humor z.B. Und um Kinder nicht zu vernachlässigen, braucht es mehr als Psychologie-Wissen. Es braucht die Fähigkeit der Ermutigung. Der Kern des ganzen Themas aus meiner Sicht:
Die große Frage für die Erziehung und das Aufwachsen der nächsten Generation ist nicht, wie „gut“ Menschen als Eltern sind und was der leichtere Weg ist, sondern ob wir als Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen, ob wir Kinder und Eltern ermutigen, ob wir uns als Familien und Gemeinschaften dem Leben mit all seinen Herausforderungen stellen – seien sie psychologischer, pädagogischer, naturkatastrophaler, bildungssystemischer, politischer oder sonstwelcher Art – und ob wir dabei mit unserer Menschlichkeit versöhnt sind.

Und JA: Dabei ist psychologisches Grundwissen hilfreich. Na klar! Aber:

 

Eltern brauchen eher Ermutigung als Therapie

Denn es ist ein Unterschied, ob
a) Menschen sich freiwillig oder gezwungen mit ihren Verletzungen und Herausforderungen auseinander setzen und ob sie dazu überhaupt in der Lage sind (und mir fallen viele Gründe ein, warum das nicht möglich sein kann!),
b) ob sie theoretisch oder praxisnah und handlungsorientiert – aus Gründen und in der Verknüpfung mit eigenen Erlebnissen lernen,
c) ob wir die Konflikte und Probleme, die Nast als Ausgangspunkt für seine These nimmt, psychologisch begründet interpretieren und dementsprechend in der Psychologie und damit im Individuum das Allheilmittel – auch für Erziehung – sehen  oder ob wir sie gesellschaftlich begründen, pädagogisch, ideologisch oder sonstwie
d) und damit schlussendlich auch, ob die Situation von Eltern und Kindern, ob Familienleben in der Komplexität seiner vielfältigen Bezüge anerkannt und bearbeitet wird.
 
Mein großes Anliegen ist es, notwendiges oder hilfreiches Wissen aus verschiedenen Bezugswissenschaften so bereitzustellen, dass nicht ein bestimmter sozioökonomischer Status und ein bestimmtes Bildungsniveau Voraussetzung dafür sind, an ihnen teilnehmen zu können. Und ich weiß, dass ich von diesem Ziel noch weit entfernt bin – man schaue sich nur diesen Text an, die Länge des Textes und die Worte/den Satzbau, die/den ich verwende. Und Angebote für Selbstzahler zu machen, ist auch exklusiv. I know. Ich bin noch unterwegs.
 
Aber die Richtung, in die ich unterwegs bin, verfolgt ein grundlegend anderes Ziel als die Richtung, die Nast mit seinem Vorschlag einschlägt, die sich aber auch in Texten der Bedürfnis- und Bindungsorientierten Erziehung und in Texten über das Unterbrechen von Trauma-Kreisläufen und ähnlichen Ansätzen zur Erziehung findet. 
Ich lese dort nämlich von der Hoffnung, die nächste Generation würde durch unsere Anstrengungen, durch unsere Maßnahmen zu „besseren“ Menschen. Die Psychologie, die Therapie soll jetzt erfüllen, was seit der Aufklärung ohnehin von der Pädagogik, von der Erziehung und Bildung erwartet wurde: dass Menschen menschlicher, humaner (also „im Grunde gut“) werden durch mühevolle Arbeit an sich selbst, durch Selbstliebe und durch den Erwerb von Erkenntnis und Wissen.
 
Die Richtung, in die ich unterwegs bin, ist demgegenüber die Richtung von Versöhnung mit der eigenen Menschlichkeit und der Menschlichkeit anderer. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind nicht die Methode, sondern das Ergebnis dieser Richtung.
 
Aber dazu schreibe ich ein andermal mehr. Für heute interessiert mich, was Du zum Thema Elternführerschein denkst. Lass gerne einen Kommentar da oder schreib mir ne Mail. Und wenn Du mehr von mir und meiner Arbeit mitbekommen möchtest, abonniere den Newsletter „FamilienPortrait“.
Ich freu mich, von Dir zu hören!

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