Ich will einen Text über Vereinbarkeit schreiben.
 
Es ist Sonntag nachmittag und während ich am Schreibtisch sitze und mich frage, wie um Himmels willen ich in Worte fassen soll, was mir zu diesem Thema alles durch den Kopf geht, steht mein Mann unten in der Küche und verarbeitet das Gemüse von unserem Feld.
 
Seit Wochen ist es so, dass ich im Haushalt wenig mache. Oder kommt es mir nur so vor? Wie kann ich da einen Text darüber schreiben, dass Frauen in unserer Gesellschaft für die Care-Arbeit zuständig sind und unter dem Anspruch der Vereinbarkeit von „Kind(er) und Karriere“ leiden? Und das, wo ich noch nicht einmal Kinder habe!
Aber ja, auch ich leide. Und mein Mann mit mir. Sogar ohne Kinder leiden wir!
 
Wir leiden daran, dass unsere Erwerbsarbeit uns so sehr schlaucht, dass für den Haushalt wenig Kapazitäten bleiben.
Wir leiden an unseren Idealvorstellungen von Männern und Frauen und ihren Rollen, an den Erwartungen, die wir haben und die uns allzu oft überhaupt nicht bewusst sind, bis wir an sie stoßen, weil sie nicht erfüllt wurden.
 
Das Vereinbarkeitsversprechen ist eines dieser Dinge, an das ich gestoßen bin und an dem ich mich seitdem extrem stoße. Du kennst es vielleicht. Es klingt in etwa so: „Als Frau kannst Du alles haben!“
Es ist ein Versprechen, das durch unsere Gesellschaft geistert und das bei mir nicht nur den Eindruck hinterlässt, dass ich alles haben KANN, sondern dass ich merkwürdig bin, wenn ich nicht „alles“ habe oder haben will.
Alles – das bedeutet vor allem: Kind(er) UND Karriere.
 
Von klein auf wurde mir vor Augen gemalt, warum ich das auf jeden Fall beides haben sollte: Wegen der  Selbstverwirklichung. Als Mutter würde ich die natürliche Bestimmung des Frau-Seins erfüllen. Ich würde meinen  Kindern eine gute Mutter sein, für sie da sein, ihnen zuhören, sie ermutigen, sie trösten, „bemuttern“ eben. Und gleichzeitig würde ich Karriere machen – meine natürlichen Begabungen einsetzen, mich nicht von den gesellschaftlichen Konventionen zu Männer- und Frauenberufen einschränken lassen. Ich würde studieren und das nicht, um dann am Herd zu versauern. So viel war klar.
 
Nie stand für mich in Frage, dass beides gleichzeitig ging. Ich sprach niemals über Vereinbarkeit, sondern immer nur von Selbstverwirklichung. Bis zu diesem Moment, in dem mir klar wurde: Kind(er) und Karriere ließen sich mit diesen Idealen nicht miteinander vereinbaren. Irgendwo musste ich Abstriche machen.
Das war, bevor ich wusste, dass ich keine Kinder würde bekommen können. Aber schon ohne Kinder muss ich heute Abstriche machen.
 
Vereinbarkeit klingt für mich nicht länger wie ein Versprechen, sondern eher wie Hohn für alle, die beides haben (wollen): Kind(er) und Karriere.
Unsere Gesellschaft ist längst nicht so weit, die Bedingungen dafür geschaffen zu haben. Weder institutionell (laut Tagesschau vom 7.5.2023 fehlten zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit 378.000 Kitaplätze – und das 10 Jahre, nachdem der Rechtsanspruch darauf gesetzlich festgelegt wurde!) noch ideell.
 
Unser Bild von Frauen ist immer ein negatives, egal, was sie tut.
 
Eine Frau, die „nur“ Kinder hat, verweigert sich dem Arbeitsmarkt, dabei würde sie doch dringend gebraucht!
Es war irgendwann im Studium der Sozialen Arbeit, als Hannah und ich über die Politik sprachen und uns klar wurde: FAMILIENpolitik zielt eigentlich nicht darauf ab, dass für das Aufwachsen von Kindern und für ihre Familien gute Rahmenbedingungen geschaffen werden, sondern ist als verlängerter Arm der WIRTSCHAFTSpolitik lediglich darauf ausgerichtet, dass Frauen arbeiten gehen können! Wir erkannten den demographischen Wandel als den eigentlichen Motor dieser politischen Agenda. Es war nicht das hehre Ziel der Gleichstellung, nicht die Akzeptanz von Frauen als gleichwertig, sondern die schlichte Tatsache: Wir wurden nicht (mehr) nur für die Kinderbetreuung gebraucht, sondern man brauchte uns auf dem Arbeitsmarkt. Und das insbesondere in den MINT-Fächern, weil dort die Zukunft der Wissensarbeit liegt, so die Prognose.
 
Eine Frau, die „nur“ Karriere macht, wird ihrer natürlichen Bestimmung nicht gerecht.
Ja, dieses Bild existiert immer noch in unseren Köpfen. Frau-Sein wird existentiell über Gebären bestimmt – und wenn das nicht geht (aus welchen Gründen auch immer), dann sind Frauen trotzdem noch immer diejenigen, die besser mitfühlen, besser trösten, besser erziehen, besser pflegen, besser lieben können.
 
Eine Frau, die nun beides versucht zu vereinbaren, stößt an viele, viele Grenzen: Arbeitszeit- und Betreuungsmodelle und ihre Kosten – egal, ob institutionell oder privat. Weil Frauen arbeiten gehen, fehlen auch unbezahlte private Betreuungsmöglichkeiten und die Kosten für Betreuung fressen den Lohn der Arbeit oft vollständig auf.
Sie muss überall Abstriche machen: weder im Haushalt noch auf der Arbeit wird sie den Ansprüchen gerecht werden können, Beziehungs- und Freundschaftspflege werden reduziert, von den eigenen Bedürfnissen nach Ruhe und Erholung ganz zu schweigen.
Und sie erhält dafür nicht einmal Anerkennung, sondern wird von kritischen und zweifelnden Stimmen begleitet – äußeren und inneren. Sie fragen danach, ob das gut für das Kind ist, ob sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren kann, wie sie es geschafft hat, im Beruf so weit zu kommen und auf wessen Kosten das wohl geht, ob sie ihre Kinder liebt, wenn sie lieber arbeiten geht und warum sie überhaupt Kinder bekommen hat, wenn sie doch Karriere machen will.
 
Und während ich das so schreibe, macht mich eins ganz besonders wütend: Die Frage von Vereinbarkeit wird immer so dargestellt, als sei sie die Aufgabe und Herausforderung dieser einen Frau. Ob sie es schafft, alles dafür zu organisieren. Wofür sie sich entscheidet. Wie sie es umsetzt. Welche Prioritäten sie setzt.
Dabei ist das – ich möchte fluchen – unser gemeinsames Problem und unsere gemeinsame Aufgabe als Gesellschaft!
Und wir lassen Frauen dabei viel zu oft im Stich.
Bitte versteht mich nicht falsch: ich kenne viele starke Frauen, die arbeiten UND für ihre Familie da sind, die nicht nur Einkommen erwirtschaften, sondern sich im Beruf auch ausleben und selbst verwirklichen können.
Ich sehe sehr viel Wertschätzung für Frauen. Sicher auch hohle, aber auch viele ernst gemeinte, liebevolle Bekundungen darüber, wie wichtig die Mama ist.
Ich sehe Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die sich wirklich darum bemühen, gerechte Arbeitsbedingungen für erwerbstätige Mütter zu schaffen.
Ich sehe Familien, die die Herausforderungen von Familie-Sein und Berufstätigkeit gemeinsam wuppen und ich weiß von Müttern, die gut verdienen und Karriere machen.
Es gibt Beispiele, in denen sich Kind(er) und Karriere nicht ausschließen.
 
Aber wir präsentieren „Vereinbarkeit“ als etwas, das vor allem eine Sache der Frauen ist. Und das ist eine Lüge.
Denn da, wo es gelingt, Kind(er) und Karriere miteinander zu vereinbaren, bestehen Netzwerke, die das ermöglichen.
Da sind nicht Frauen allein verantwortlich, sondern Partner, Freunde und Verwandte bilden eine Gemeinschaft, in der die Verantwortung nicht nur für Kind(er) und Berufstätigkeit, sondern für Beziehungen, Haushalte und Freizeitgestaltung gemeinsam übernommen werden, oft unterstützt durch bezahlte Dienstleistungen.
 
Vereinbarkeit – wenn wir sie denn so nennen wollen – ist hoch voraussetzungsvoll und eine Aufgabe von uns als Gesellschaft.
Wir schaffen sie nicht allein.
Nicht einmal ich, ohne Kinder, schaffe es, meine Beziehungen und den Beruf mit Haushalt und allem, was an Ansprüchen an mich herangetragen wird, so unter einen Hut zu bekommen, dass ich das Gefühl habe, allem gerecht zu werden.

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