Sonntagmorgen

Ich sitze auf der Terrasse und trinke meinen Kaffee. Die Sonne kriecht hinter dem Nachbarhaus hervor und im Gras glitzern Tautropfen. Um mich herum Ruhe. Ein Glücksmoment. Einer, den ich in mich aufsauge wie die frische Morgenluft. Denn nach einem solchen Moment habe ich mich schon lange gesehnt. Glücksmomente lassen sich nicht einfach so machen, sie passieren. Sie sind plötzlich einfach da. Und dieser erscheint mir so zauberhaft, weil er im absoluten Kontrast zu den vergangenen Wochen steht. Hinter mir liegen volle Tage. Gefüllt mit wunderbar viel Schönem, aber auch mit nicht enden wollenden ToDo-Listen. Bis in die Abende hinein habe ich Stifte und Hefte beschriftet, Muffins gebacken, nach der nächsten Größe Stiefel für den Kindergarten gesucht, versucht nichts zu vergessen, genäht, Schultüten gefüllt, mit meinem Mann eine Kindergeburtstagsralley entworfen, Einkaufslisten bestückt, versucht die Nerven zu bewahren, wenn die aufgeregten Kinder aus dem Häuschen waren und bin irgendwann erschöpft in mein Bett gefallen. Puh, was für ein Raketenstart nach diesen Sommerferien! SO viel gleichzeitig hatten wir, glaube ich noch nie. Jetzt sitze ich hier und merke, dass mir fast schwindelig ist nach dieser ereignisreichen Woche. Auch die Kinder können gar nicht mehr alles sortieren, was in diesen Tagen passiert ist. 

Ausruhen und Struktur schaffen

Wir hängen rum und das tut sooo gut. Ausmalbilder malen, Hörspiele hören, in der Sonne ausruhen, vorlesen. Das klingt zu schön um wahr zu sein. Es dauert auch immer nur für Momente an, denn schon im nächsten Moment weint ein Kind, hat eins Hunger, ist eins zu müde, brauche ich einfach nur Ruhe und keine Vorlesebücher mehr. Mit Kindern im Haus ist es selten so richtig ruhig, aber manchmal gelingt mir ein Rückzug und ich hole mitten am Tag eine Mütze voll Schlaf nach. Wie gut, dass es Wochenenden gibt, denke ich. Zeiten der Entschleunigung. Zeiten des Nichts-Tun-Müssens. Denn eine Woche jagt die nächste und die Anforderungen von Schule und Co schwappen nach den Sommerferien wie eine große Welle über uns. Wie gut, wenn wir es schaffen, zwischendrin innezuhalten, Pause zu machen und auszuruhen. Denn sonst wird unser Leben zum Marathon, der vom Ende der Sommerferien bis zum Beginn der Herbstferien dauert, und uns dann nach kurzer Pause direkt wieder den Atem nimmt. Das kann unmöglich funktionieren. Zeit ist ein kostbares Gut. Neben Aufmerksamkeit das kostbarste unserer Zeit. Sich Zeit nehmen, ja aber für was? Zum Ausruhen, Joggen, Schreiben, für die Kinder, den Ehemann, die Freundin? Oh hoppla, das ist gleich eine neue ToDo-Liste. Die werfe ich getrost in den Mülleimer und schreibe mir auf die Stirn: NICHTS TUN. Das ist leichter gesagt, als getan. Viel zu gern bin ich aktiv, werkle rum oder räume zumindest auf. Nichts tun, das kann ich eigentlich gar nicht. Und doch will ich es üben. Zumindest in kleinen Momenten. Innehalten. Mir nicht den Kopf über die ToDos der nächsten Woche zerbrechen. Vielleicht gelingt es mir, wenn wir uns am Wochenende eine feste Planungszeit für die nächste Woche einrichten. Einkaufsliste schreiben, Essenswünsche erfragen, Termine und Fahrten absprechen. In all dem Durcheinander der Schulstart-Welle übe ich mich also darin, unsere Zeiten klarer zu strukturieren. Zeit am Wochenende, um in den Tag hineinzuleben, joggen zu gehen, wenn ich es will oder einfach mit dem Kaffee auf der Terrasse zu sitzen. Schlafanzug-Spielzeiten für die Kids. Zeiten für Ausflüge und Treffen mit Freunden. Und Zeiten, die zum Planen reserviert sind, damit mein Kopf zwischendrin wirklich abschalten kann und nicht platzt, bei all dem Mental Load.

Die Sache mit dem Mental Load

Mental Load. Das ist überhaupt das Stichwort. Ein Wort, das in Mode gekommen ist und von dem viel gesprochen und geschrieben wird. Das Phänomen gibt es eigentlich schon sehr lange, aber jetzt hat es einen Namen. Patricia Cammarata schreibt in ihrem Buch „Raus aus der Mental Load Falle“, dass es vor allem drei Facetten sind, die den Mental Load ausmachen:

1.       Die (sichtbaren und) unsichtbaren Aufgaben, die es rund um die Familie zu erledigen gibt.

2.       Der Umstand, dass alles auf einer Person lastet und

3.       dass es in der Regel ziemlich wenig Wertschätzung für diesen Job gibt.

Sie schreibt auch, dass man Frauen in der Regel nicht erklären muss, was Mental Load ist. Ein paar Schlagworte reichen aus und Frau weiß ganz genau wovon die Rede ist. 

Betreuungsorga im Familienalltag

Wir erleben es einfach täglich und unser Kopf ist voll von: „Ich rufe gleich zurück, jetzt schreit die Kleine, hat Hunger. Mist, wo ist der Löffel für den Brei? Oh die Milch ist fast alle, setze ich gleich auf die Einkaufsliste. Warte, im Keller ist noch H-Milch. Auf der Treppe liegt Wäsche, sammle ich kurz auf, stelle ganz schnell noch die Waschmaschine an, der Wäschekeller quillt über. Mist, die Kleine schreit aber laut. Doch erst der Brei. Aber die Wäsche danach nicht vergessen,…“ Nerver ending story dieser Mental Load und es ist unendlich frustrierend, wie wenig davon gesehen wird und wie wenig dieser krasse Job wertgeschätzt wir. Das wäre nocheinmal ein neues Thema. Erst einmal wende ich mich aber der alltäglichen Belastung durch den Mental Load zu und höre, lese und lerne, dass die Kunst das Abgeben ist. Ganze Aufgabenbereiche abgeben, sich mit dem Partner/der Partnerin absprechen und wenn ein Aufgabenbereich abgegeben ist, sich auch nicht mehr darum kümmern. Ihn am Besten vergessen. Hm, dafür sind unsere Zeiten zu Hause aber zu ungleich verteilt. Würde ich bspw. den Bereich Schule ganz an meinen Mann abgeben, müsste ich mir trotzdem bis zum Abend merken, was die Kids aus der Schule berichten, wenn sie am Mittagstisch sitzen und dann meinem Mann berichten, was es noch zu tun gibt für die Schule (die Große soll morgen 5€ mitbringen, der Kleinen schmeckt das eingepackte Frühstück nicht,…). Hm, dann erledige ich es lieber selbst, das ist weniger Mental Load. Mein Mann und ich sind also noch auf der Suche, welche Bereiche er voll und ganz übernehmen kann. Immerhin bekommt auch er inzwischen alle Infomails aus Schule und Kita und besorgt das fehlende Matheheft oder packt mit den Kids die Sportsachen für den nächsten Tag in den Turnbeutel. Wir üben uns im Mental Load verringern. Gar nicht so einfach. Aber es wird besser. Er denkt mehr mit im Alltag, übernimmt manche Bring- und Hol-Fahrten regelmäßig und ich lasse getrost Manches liegen, weil klar ist: das hat er übernommen und erledigt es auch. Ein Balanceakt, der vieler Absprachen bedarf. Aber dieses Zeitinvest ist es wert, denn mein Kopf wird freier für andere Dinge und das tut soo gut.

Wie geht es euch damit?

 

Jetzt bin ich neugierig. Wie macht ihr das? Was beschäftigt euch beim Thema Mental Load am meisten? Wie verteilt ihr Dinge in Haushalt, Care, Betreuungsorga neu, um etwas zu verändern? Womit macht ihr gute Erfahrungen? Schreibt eure Gedanken gerne in die Kommentare.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

innehalten | Impulse sammeln
gemeinsam handeln

Kontakt