Die Kurzantwort: Uns fehlen nicht die Vorbilder, sondern der Respekt vorm Üben.
Wir haben abertausende Vorbilder = Menschen, die wir nachahmen können und wollen, im realen Leben und in den Sozialen Medien. Doch ihr Leben ist das Ergebnis von Prozessen, die über lange Zeiträume, in bestimmten Konstellationen und mit jeder Menge Reflexion, try und error stattgefunden haben. Erst wenn etwas gelingt, wird es als „best practice“ wahrgenommen. Gelingen und Erfolg sind das, was wir eigentlich wollen – und wir hoffen, dass uns das Nachahmen von guten Vorbildern den Schmerz des Übens überspringen lässt. Was wir brauchen, sind Menschen, die uns begleiten, während wir üben.
Die Suche nach Vorbildern und Best Practice Beispielen
Immer wieder höre ich von Menschen meiner Generation (den sogenannten Millenials) bei verschiedenen Themen im Rahmen von Elternschaft und Familienleben, aber auch in Bezug auf verschiedene Themen in der Gemeinde: „Wir hatten ja keine (guten) Vorbilder!“ Für gesunde Grenzen oder das Sprechen über Gefühle, für zugewandte Geduld oder ein gutes Verhältnis von Arbeit und Freizeit, für einen ausgewogenen Umgang mit Sexualität oder für gesunde Leitung. You name it.
Weil der Mangel an guten Vorbildern so groß zu sein scheint, wird bei Kongressen und Konferenzen, in Zeitschriften und Interviews oft nach Best Practice Beispielen gefragt, nach Modellen, die man nachahmen kann, deren Methoden man übernehmen kann.
Gelingende Beispiele kann man nicht einfach nachahmen
So wie in einem Interview letztes Jahr zu meinem Buch. Eine der Fragen lautete: „Können Sie konkrete Beispiele nennen, wo das Miteinander der Generationen in der Gemeinde oder in Hauskreisen gelingt?“ „Oh ja!“, war meine erste Reaktion, „einige!“ Und ich fing an, Beispiele aufzuzählen. Aber nach einem kurzen Moment hielt ich inne. Nicht, weil mir die Beispiele ausgingen, sondern weil mich etwas an der Frage und meiner intuitiven Reaktion daran störte.
Ich merkte: Diese Frage nach Beispielen, in denen etwas gelingt, klingt für mich nach Zweifeln an der Realisierbarkeit und weckt in mir das Bedürfnis, zu beweisen, dass das geht, worauf ich mit meinem Buch Lust machen möchte. Aber jeder Beweis, jedes gelingende Beispiel vermittelt unterschwellig, dass diese Methode, dieses Format, dieses Projekt oder Programm zum Erfolg geführt hat. Doch das ist nicht richtig. Was ich erzählen wollte, waren die Ergebnisse von Prozessen, die über lange Zeiträume, 10 Jahre, 30 Jahre, in bestimmten Konstellationen stattgefunden hatten. Die Programme und Methoden nachzumachen, würde nicht dieselben Ergebnisse hervorbringen, würde nicht zwingend zu einem gelingenden Miteinander der Generationen führen. Denn was ich beschrieb, basiert auf Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die ich in einer kurzen Antwort gar nicht alle aufzählen könnte – wenn sie mir überhaupt bewusst wären.
Wir wollen keine Vorbilder, sondern Gelingen
Ich selbst lese und höre deshalb ungerne Best Practice Beispiele. Sie demotivieren mich eher als dass sie mich inspirieren, denn sie werden oft präsentiert als „Guck mal, wie toll! Es geht, du musst nur xyz machen!“ Und da ist es egal, ob es um Haushaltsführung, Selbstorganisation, einen erfüllten Glauben, Kindererziehung, Gemeindeleitung und -entwicklung, Abnehmen oder eine glückliche Paarbeziehung geht. Noch einmal: You name it.
Für alles findest Du einen Menschen, der Dir nicht nur erklärt, wie es geht, sondern sich selbst oder seine Gemeinde oder Organisation oder Familie als Vorbild anbietet. Aber das führt uns in die Überforderung, weil wir alles irgendwie miteinander vereinbaren wollen. Oder wir entfolgen, weil wir nicht ertragen, wenn ihnen gelingt, was wir uns wünschen, wir zweifeln an, ob das, was wir sehen, nicht nur eine heile und fürs Marketing gestylte Insta-Welt ist, wir suchen nach kleinsten Fehlern oder Dingen, auf denen wir herumhacken können, um nur ja nicht zugeben zu müssen, dass wir aus tiefstem Herzen neidisch sind auf die, denen gelingt, was uns nicht gelingt.
Best Practice heißt in echt: beständig üben!
Aber hinter der sichtbaren Best Practice von Vorbildern – verstanden als gelungene Beispiele – steckt Best Practice als beständiges Üben! Scheitern. Zweifeln. Dranbleiben. Aufgeben. Neu entscheiden. Einen anderen Weg probieren. Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Weitergehen. Innehalten. Hinsetzen. Zweifeln. Aufraffen. Usw.
Ein langer Prozess jedenfalls. Meist unsichtbar. Nicht präsentabel – oder einfach zwischenzeitlich ohne Ergebnis, das man zeigen könnte, selbst wenn man wollte. Das gilt insbesondere wenn es um Erziehung und Gesundheitsfürsorge, um Schreiben, um Gelassenheit, Geduld und so weiter geht. Da ist kein Wow-Effekt und kein “Nimm mich zum Vorbild.” Und was für den einen schon ein präsentables Zwischenergebnis ist, ist für den anderen eine Selbstverständlichkeit und die Basis, von der er losgeht. Denn wir haben nicht alle dieselben Bedingungen, unter denen wir anfangen und weitermachen und was die Entwicklung hin zum gewünschten Ergebnis fördert, ist deshalb auch sehr unterschiedlich.

Gelingen ist nicht garantiert
Und so machen wir beim Nachahmen der Methoden und Projekte von Vorbildern gar nicht mal so selten die Erfahrung, dass ein „mach einfach xyz, dann wird das schon“ bei uns, in unserer Situation, zu diesem Zeitpunkt nicht „funktioniert“. Manchmal macht es sogar alles viel schlimmer, weil es wie ein Beweis wirkt, dass es eben nicht geht. Und dann demotivieren Best Practice Beispiele statt zu inspirieren. Sie vermitteln Unzulänglichkeit oder Unfähigkeit. Und im schlimmsten Fall dienen sie als Erklärung, warum dies oder jenes bei anderen zwar geht, aber bei mir, in unserer Gemeinde gar nicht gehen KANN, denn „diese oder jene Voraussetzung ist nicht erfüllt und wenn das der Weg ist, dann haben wir halt gelitten.“ Das Ergebnis ist Resignation – und Stillstand. Was mit dem Wunsch nach Veränderung begann, endet in Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit: „Wir haben schon alles versucht!“
Dabei hat Gelingen oft (immer?) mit einer unfassbaren Portion Glück zu tun. Oder besser gesagt: Gnade. Ein fieses Wort, denn es steht gegen unser Verständnis von Gerechtigkeit, bei der alle dasselbe bekommen. Sie ist wie der Kairos – der richtige Moment. Nicht abrufbar, nicht machbar, sondern geschenkt.
Von guten Vorbildern lernst Du den Umgang mit Deinem Weg, nicht ihr Ergebnis
Gelingende Beispiele im Sinn von Erfolgsstorys und Ergebnispräsentationen zu sehen, ist manchmal eher demotivierend als inspirierend. Manchmal sind Fail-Nights zielführender. Biographien und lange Geschichten geben einen realistischeren Einblick als kurze Talks und Stichpunkte für den Weg zum Erfolg. Und wenn Du auf der Suche bist nach etwas, das für Dich oder euch als Gemeinde funktioniert, bleibt euch Arbeit und das Gehen eures eigenen Weges nicht erspart, bedeuten „Best Practice Ideen“ keine Abkürzung.
In meinem Buch habe ich deshalb auf Best Practice Beispiele verzichtet, sondern vor allem Reflexionsfragen gestellt für die eigene Wirklichkeit. Nicht alle Praxisideen, die ich in meinem Buch angeregt habe, sind erprobt. Sie sind ein wildes Durcheinander aus Dingen, die ich schon mal von irgendwo mitbekommen habe und Sachen, die ich mir ausgedacht habe. Es geht nämlich nicht darum, zu machen, was bereits funktioniert hat, sondern Kreativität für die Suche nach dem zu entwickeln, was für die eigene Situation passen könnte. Was man ausprobiert, um es auszuprobieren und wo man mit dem Scheitern rechnet und noch Alternativen hat. Sehr bewusst sind es zu viele Praxisanregungen, als dass man sie alle umsetzen könnte.
Gerade beim Thema meines Buches, Gemeinschaft in Gemeinde und Familie, aber auch bei vielen anderen Themen besteht inspirierende Best Practice aus Geschichten über das Ausprobieren, das Üben, das Scheitern, das Dranbleiben, das Gelingen, die Freude, den nächsten Schritt danach. Kein Happy End, sondern ein offenes Ende, keine Vorbilder, die man nachmacht, sondern die gemeinsame Entwicklung von Menschen, die miteinander unterwegs sind.
Gute Vorbilder sind mit Dir zusammen unterwegs
Und das bedeutet durchaus, dass man an verschiedenen Stellen unterwegs ist und sich gegenseitig von dem erzählt, was in der eigenen Lebensphase, in den verschiedenen Prozessen und Herausforderungen, dem alltäglichen Kampf mit Ansprüchen und Vorstellungen, mit Konflikten und Leid geholfen hat oder wie man da hindurchgekommen ist.
Beim Sommerlager für Familien war der Elternnachmittag in der ersten Woche letztes Jahr genau so gestaltet. Eltern mit erwachsenen Kindern erzählten Eltern mit jüngeren Kindern vom Aushalten, Abwarten, Dranbleiben – nicht von guten Methoden. Sie waren keine Erziehungs-Expert:innen, sondern einfach als Eltern da, die teilten, was sie erlebt hatten. Denn entscheidend für das Gelingen im Miteinander der Generationen sind nicht die Praxisideen, die Ergebnisse und die Methoden, sondern dass man Prozesse und Wege gemeinsam geht und durchhält. Und so machten sie Mut. Nicht mit Best Practice, sondern mit Alltag, Respekt vor dem Üben und vor der Wirkung der Zeit. Und: Vertrauen in Gottes Gnade.

Fazit: Best Practice heißt, sich auszutauschen und zu ermutigen
Such Dir deshalb Vorbilder nicht in erster Linie nach ihren Ergebnissen aus, sondern nach ihrem Umgang mit Herausforderungen – und vielleicht auch mit fehlenden Vorbildern. Denn wir sind nicht die erste Generation, die etwas ändern will und mit neuen Situationen konfrontiert ist und dafür keine Vorbilder hatte.
Und schau statt auf Mentor:innen und Vorbilder lieber auf Deine Gefährt:innen. Sie können Dir und Du ihnen nämlich auch sehr gut Vorbild sein. Nicht Vorbilder sind die Lösung für die neuen Wege in unserem Leben, sondern Menschen, die den Weg mit uns gehen und uns an ihren Erfahrungen mit neuen Wegen teilhaben lassen.
Diese Menschen musst Du nicht suchen. Sie sind schon da. Davon bin ich für die allermeisten Menschen fest überzeugt. Sie struggeln selbst auch und sehnen sich ihrerseits nach Vorbildern – oder vielmehr nach Gelingen für ihre Herausforderungen. Vielleicht sind sie älter als Du, vielleicht jünger. Vielleicht sind ihre Themen andere als Deine, aber die Gefühle in den Krisen erstaunlich ähnlich. Frag sie doch mal, was ihnen hilft durchzuhalten, wieder neu anzufangen, Wege auszuprobieren. Erzähl ihnen von Deinem Struggle, von Deinen Idealen, die Du verwirklichen möchtest und wie schwer Dir das fällt. Bitte sie, Dir nur zuzuhören, keine Antworten und Ratschläge zu geben, sondern höchstens von sich selbst zu erzählen. Sucht nach Gemeinsamkeiten im Erleben – und ermutigt euch gegenseitig.
Und ja, ich kenne auch das Gefühl, dass die „richtigen“ Menschen für manche Themen nicht da sind. Sie fallen genauso wenig wie alle anderen Vorbilder vom Himmel. Sie sind vielleicht im Gegenteil sehr irdisch, sehr normal, sehr unperfekt.


