Ich kann nicht zählen, wie oft ich schon gehört habe: „Du brauchst Dich nicht vergleichen! Das tut Dir nicht gut!“ Das hat mich aber noch nie daran gehindert, es doch zu tun. Vor allem dann nicht, wenn ich mich frage, was eigentlich mein Beitrag in dieser Welt ist.
Meine Überzeugung ist: Das Vergleichen zu verteufeln, hilft uns nicht weiter! Wir machen es eh – und dann verurteilen wir uns nur: „Haste Dich schon wieder mit anderen verglichen, wa?!“ Stattdessen brauchen wir einen gelassenen Umgang mit dem, was der Vergleich zutage fördert.
Kurzantwort: Vergleichen hilft uns beim Orientieren in der Welt und ist deshalb erst mal etwas Gutes. Problematisch wird es, wenn das Vergleichen zur Abwertung führt - oder Stereotype einen echten, ehrlichen Vergleich verhindern. Denn richtiges Vergleichen aus gelassenem Selbstbewusstsein heraus macht uns frei, andere und uns selbst zu feiern.
Vergleichen heißt, sich miteinander zu messen
Am Pfingstsonntag morgen bei der Bundesjugendkonferenz der Freien Evangelischen Gemeinden in Erfurt traten zwei mehr oder weniger junge Männer beim Spiel „Wer würde…?“ gegeneinander an. Sie sollten jeder aus einer Gruppe von 8 Leuten für verschiedene Spiele jeweils eine:n auswählen, der:die für sie in Wettkämpfen antreten sollte. Wer würde schneller 5 T-Shirts übereinander anziehen, 15 Liegestütze schaffen, etc. Die Halle klatschte, jubelte, pfiff, feuerte an.
Total faszinierend. Ich staune jedes Mal, wie schnell bei so einem Wettkampf Stimmung in einem Publikum entsteht, wie man mitfiebert und gespannt zuschaut, wie die Kontrahenten ihre Fähigkeiten messen. Wie man sie unwillkürlich anfeuert. Selbst wenn es sich um solche Kleinigkeiten handelt wie T-Shirts anziehen – oder ein Fußballspiel der Minis.

Wann Vergleichen zum Wettkampf wird
„Ich hasse Wettkämpfe!“, sagt dagegen ein Kind in meinem Umfeld regelmäßig. Und ich verstehe, was es meint. Warum müssen wir uns gegenseitig übertrumpfen? Können wir nicht einfach feiern, was jede:r kann und ist? Warum werden wir zur Konkurrenz? Ich denke, das hat mit unsicherem Selbstbewusstsein zu tun und mit (berechtigter) Angst vor Unterlegenheit, weil sie aus der Sorge kommt, vom eigenen Platz verdrängt zu werden. Aber all das müsste beim Vergleichen nicht passieren!
1. Vergleichen hilft, den Standort zu bestimmen
Wer ist größer oder kleiner? Was ist rot, gelb, grün, blau? Wir führen das Vergleichen bei kleinen Kindern sehr früh ein und feiern es, wenn sie Unterschiede erkunden und erkennen. Vergleichen führt zum Sortieren, eine Ordnung entsteht, bei der Gleiches oder Ähnliches in derselben Kategorie landet. So weit, so gut.
Selbst wenn dabei eine Reihenfolge entsteht (schnell, schneller, am schnellsten) ist Vergleichen noch okay. Es geht in diesem Moment um die vergleichende Beschreibung einer Sachen mit der Hilfe von Kategorien. Wir vermeiden es dabei, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, aber vergleichen durchaus Obst und Gemüse. Und eben uns selbst im Verhältnis zu anderen.

2. Vergleichen ist die Grundlage fürs Bewerten
Erst dann bewerten wir. Auch das Bewerten an sich ist auch noch kein Problem: Es zeigt vor allem, dass wir Vergleichspunkten unterschiedlich viel Gewicht geben. Du bist vielleicht das größte Kind, aber wenn Du jünger bist, musst Du trotzdem früher ins Bett. 🤷♀️
Bewertungen zeigen uns, wer und wie wir im Vergleich mit anderen sind. Das hilft uns, unseren Standort im Miteinander mit anderen zu bestimmen. Wir haben einen bestimmten Platz im sozialen Gefüge und der ergibt sich, weil wir bestimmte Dinge als wichtiger bewerten als andere. Dazu gehört neben Alter natürlich auch das Geschlecht, der Bildungsstand (oder besser gesagt: das Reflexionsniveau), wie beliebt jemand ist oder wie viel man entscheiden darf. Was wichtig ist, können und sollten wir immer mal wieder diskutieren, aber das Bewerten an sich brauchen wir.
3. Bewertschätzen oder ABwerten?
Das Ergebnis von dieser Bewertung kann positiv sein: „Das ist mein Platz und es ist ein guter Platz!“ Dann erlebe ich die Bewertung als Bewertschätzen. Dieses Wort hat eins von Farbflausens Kindern geprägt (Link zu einer Postkarte von ihr, unbezahlte Werbung).

Problematisch wird es,
A) wenn ein Vergleich zu pauschal ist oder
B) eine Abwertung statt einer realistischen Einschätzung bedeutet.
Wenn man z.B. zwei Menschen in Bezug auf eine Sache vergleicht und dann davon ausgeht, automatisch die Ergebnisse von allen anderen Vergleichspunkten zu kennen, ist das ein Problem. Das passiert zum Beispiel oft beim Thema Geschlecht: Wenn Jungen als bewegungsfreudiger gelten und für sie deshalb ein Programm anders gestaltet wird als für die Mädchen – die ja typischerweise gerne basteln. Klar, oder? *Ironie off.*
Das Problem, das wir als „Vergleichen“ beschreiben, besteht eigentlich darin, dass Menschen nicht angemessen bewertet werden = die Vergleichspunkte sind nicht fair! Wenn wir uns mit Leuten vergleichen, obwohl andere, bedeutsame Vergleichswerte sagen: „Hier ist der Unterschied viel zu groß für einen sinnvollen Vergleich!“ (so wie bei Äpfeln und Birnen), und wenn wir deshalb sagen „Ich bin nicht so gut wie xy!“, vergleichen wir falsch. Nur so kommen wir zu dem Ergebnis, wir wären weniger wert als jemand anders. Aber genau das passiert uns so schnell!
Ein Beispiel
Als ich mir vergangene Woche z.B. eine Webseite von jemand anderem angeschaut habe, war ein Vergleich eigentlich Blödsinn: Er betreibt seine Seite schon wesentlich länger als ich und hat einen ganz anderen Stil. Trotzdem dachte ich: „Puh. Da steckt so viel Gutes drin. Warum braucht es eigentlich noch meinen Blog, den Kornspeicher und die Bubble?“ Ich konnte meinen eigenen Wert nicht mehr sehen, weil diese Seite so viel „besser“ zu sein schien (und weil ich zu müde war, mich auf das „richtige Vergleichen“ zu konzentrieren).
Ich verglich plötzlich die Zahlen auf seiner Seite, wie viele Menschen ihm nach vielen Jahren Arbeit Aufmerksamkeit schenken, mit meinen gefühlten Erfahrungen der letzten Wochen: Dass es niemanden interessiert, was ich tue. Das war kompletter Bullshit, denn es interessiert sehr wohl jemanden – und ich verglich Äpfel mit Birnen.

Das Vergleichen wurde zum Problem, weil ich 1. nicht die richtigen Dinge verglichen habe, 2. mein Vergleichsergebnis dadurch nicht das wirkliche Verhältnis von meinen und seinen Angeboten zeigte ich mich deshalb 3. pauschal abwertete! Und daraus entstand dann ein Gefühl von Konkurrenz.
Ich fragte mich nämlich nicht: „Wo stand er wohl nach 2 Jahren mit seiner Arbeit?“ Oder „Wie wäre meine Arbeit, wenn ich Dinge kostenlos rausgäbe und andere Leute mit auf meiner Seite schreiben lassen würde?“, sondern: „Was würde passieren, wenn meine Newsletter-Leute diese Seite finden? Interessiert sie meine Arbeit dann überhaupt noch?“
Konkurrenz ist kein echter Vergleich, sondern Angst vor Unterlegenheit
Der Vergleich wurde zur Konkurrenz, weil ich Angst hatte, meinen Platz in der Aufmerksamkeit von Menschen, die wichtig für mich sind, an ihn zu verlieren. Ich fühlte mich absolut unterlegen, und dachte ohnmächtig: „Ich habe eh keine Chance gegenüber diesem Typen und seinen vielen spannenden und noch dazu kostenlosen Artikeln!“
Wer bin ich, wenn jemand besser ist als ich?
In Zeiten von KI ist diese Angst ehrlich gesagt etwas lächerlich. Gegenüber der KI haben wir alle verloren: Aus einer Wettkampf-Mentalität scheint sie wegen ihres „Wissens“ eine unüberwindbare Konkurrenz zu sein. Doch sie zwingt uns vor allem dazu, unseren Standort neu zu bestimmen: Wer bin ich, wenn es jemanden gibt, der besser ist als ich? Diese Frage gewinnt durch KI eine andere Dringlichkeit in unserer Wissensgesellschaft – es gibt sie aber schon viel länger. KI ist aus meiner Sicht tatsächlich eine Chance, wenn sie verantwortungsbewusst eingesetzt wird.
Die Antwort auf die Frage, wer Du bist, wird sie Dir aber trotz ihres Wissens nicht geben können.
Du bist und wirst nämlich Du im Vergleich mit und Verhältnis zu anderen Menschen!
Das bedeutet der Satz „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“ von Martin Buber konkret: Ich vergleiche mich mit Dir und erkenne, dass ich anders bin als Du. Und dann verhandeln wir darüber, was das für meinen und Deinen Platz im Miteinander, in der Gesellschaft hat.

Beim Vergleichen geht es um mehr als um individuelle Gefühle
Als die dazustehen, die unterlegen ist, ist ebensowenig ein schönes Gefühl, wie sich vollkommen überlegen zu fühlen. Nicht mal, wenn ich nur vor mir selbst so dastehe. Wenn wir unangemessen verglichen werden, ist das falsch. Aber von Schule über Sport bis zum Geschlechterthema und die Kooperation zwischen Fachleuten gibt es viele Gründe, warum Vergleiche und daraus entstehende Konkurrenz nicht nur persönliche Gefühle betreffen, sondern handfeste gesellschaftliche Themen sind. Auch darin sind Gefühle von Unterlegenheit und Ohnmacht zentral, aber sie werden durch Strukturen verfestigt.
Es lohnt sich, auf diese Themen extra und einzeln zu schauen! Aber was grundsätzlich für richtiges Vergleichen gilt, gilt dann natürlich auch für diese Themen.
-> Wie geht es also RICHTIG, das mit dem Vergleichen?!
Vergleichen – aber richtig!
Wie ordnen wir uns im Verhältnis zueinander ein, wenn wir Vergleiche anstellen? Ich glaube, die Grundlage ist tatsächlich die Antwort auf die Frage, wer wir sind.
1. Ein selbstbewusstes, gelassenes Standing an meinem Platz für jetzt und heute
Kehren wir für diesen Punkt zu der Szene vom Anfang zurück: Zum spielerischen Kräftemessen, das feiert, was jede:r kann und durch einen angemessenen Vergleich anspornt, das Beste zu geben. Dort sehen wir ein Vergleichen ohne Angst und Konkurrenz, weil das Gewinnen oder Verlieren keinen Einfluss darauf hat, ob
- die Beteiligten als wertvoll angesehen werden oder
- um ihren Platz fürchten müssen.
Wir sehen einen Wettkampf, bei dem es vordergründig um Gewinnen und Verlieren wie in „Überlegen und Unterlegen sein“ geht, aber in der Haltung der Beteiligten um Gewinnen wie in „Entwicklung“: Ich gewinne beim Vergleichen Erfahrung und Erkenntnis über mich selbst und andere. Diese Haltung können wir – haha – „gewinnen“, wenn wir uns als angenommen erleben. Das allein ermöglicht sowohl den scheinbaren Gewinnern und Verlierern in den Wettkämpfen des Lebens ein selbstbewusstes, gelassenes Standing.
Ich entdecke die Ermutigung dazu in der Bibel von einem, der von uns heute oft als Gewinnertyp angesehen wird. Paulus schrieb:

„Ich sehe mich selbst nicht so, dass ich schon am Ziel angekommen wäre. Aber ich lasse alles zurück, was hinter mir liegt, und richte mich ganz auf das aus, was vor mir liegt. Ich jage auf das Ziel zu, ich will den Siegespreis in Händen halten, der mir ja schon längst gehört, weil Gott mich durch den Messias Jesus zu sich in seine Gegenwart gerufen hat.“ Philipper 3, 13f.
„Der Sieg gehört mir schon“ bedeutet eben nicht, „dass ich schon am Ziel wäre“, sondern dass mir zugesprochen wurde, wo mein Standort ist: in der Gegenwart der Liebe, also in einer Atmosphäre vollkommenen Angenommen-Seins. Wenn schon klar ist, wer ich bei Gott bin, muss ich beim Vergleichen nicht überlegen sein, sondern kann mich auf die Weiter-Entwicklung konzentrieren.

2. Wetteifern für Entwicklung
Ich persönlich wünsche mir mehr Gelegenheiten zum Wetteifern, die mir erlauben, meine Fähigkeiten ganz hemmungslos zu zeigen und mich nicht mit meinem Wissen zu verstecken. Kurz dachte ich deshalb mal, Leistungssport wäre für mich als Kind vielleicht gut gewesen. Aber nur ganz kurz! Sport begeistert mich nicht genug, um darin richtig gut sein zu wollen. Das geht mir bei anderen Themen so, bei Erziehung, Sozialer Arbeit, Gemeindepädagogik und Gemeindeentwicklung. Da bleibe ich up to date wie mein Mann bei Sportergebnissen.
Aber es gibt wenig Gelegenheiten, sich mit diesem Wissen zu messen. Ich entwickle mich und möchte den Vergleich von Wissen aus Theorie und Praxis, aus Gemeindedienst und aus der Perspektive von Werken und Verbänden. Vergleich und Selbstdarstellung sind in der Pädagog:innen Bubble zu oft verpönt. Kooperation ist das Schlagwort!
Ich bin definitiv auch für Kooperation. Aber so ab und zu wetteifern und sich präsentieren dürfen? Das wäre großartig! Denn ich glaube, wir würden dabei feststellen, wie wir alle dabei gewinnen, weil wir nicht nur die Fähigkeit zum Argumentieren und für Unterscheidungen schärfen, sondern durch die Inhalte auch an Weisheit und Wissen zunehmen? Das wäre toll – und btw: Das wäre echte Kooperation, weil ich nicht Wissen für mich zurückbehalte!
3. Gestärktes Selbstbewusstsein durch die Außen-Perspektive
Für diesen Punkt erzähle ich Dir, wie es mit dem Vergleichen bei der Webseite weiterging, die in mir das Gefühl von Konkurrenz und einem schon verlorenen Wettkampf ausgelöst hat: Ich hab sie ein paar Menschen gezeigt und meine Selbstzweifel geteilt. Ich habe gesagt: „Guck mal, da ist doch schon alles da! Warum sollte ich auch noch…?!“ Das war das Beste, das ich tun konnte. Denn das Verrückte ist: Sie haben jeweils nur einen kurzen Blick auf die Seite geworfen und mich dann ermutigt! Sie haben gesagt: „Steffi, das ist eine tolle Seite – aber Du machst doch etwas ganz anderes?!“
Und plötzlich konnte ich es dann auch wieder sehen: den Unterschied, der meine Arbeit besonders macht.
Die Freiheit, zu teilen, was uns gemeinsam weiterbringt
Das eigentlich Spannende passierte aber danach: Ich sah plötzlich auch wieder, was ich an seiner Arbeit so wertvoll finde – und hatte die Freiheit und Begeisterung, dass ich das unbedingt mit „meinen“ Leuten im Newsletter teilen wollte!
In großer Freiheit und Freude schicke ich also auch Dich heute auf eine Webseite, auf der Du richtig spannende Artikel und Praxisideen zu Jugendarbeit, Leiterschaft, Elternschaft und weiteren Themen findest:
Unbezahlte Werbung
Und so ist von einem Standpunkt mit gelassenem Selbstbewusstsein gesehen die Seite Mr. Jugendarbeit keine Konkurrenz, sondern eine bereichernde andere Perspektive! Ja, er schreibt über Themen, die Du auch hier findest. Aber Andy Fronius und die Menschen, die auf seiner Seite Artikel und Material veröffentlichen, schauen nicht nur aus einer anderen, nämlich ihrer Perspektive von Jugendlichen her auf die Themen, sondern fokussieren sich mehr auf Impulse, die Einzelne weitertragen. Bei Familien begleiten, im Kornspeicher und der Bubble, bei mir gibt es demgegenüber Anleitungen, damit Familien und Teams Miteinander lernen.
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