Ein zweifelhaftes Kompliment

„Euer Haus ist wie ein Wimmelbild“, sagt ein Gast zu mir und ich schmunzele ein wenig hilflos über die wertschätzende Beschreibung des Chaos‘, das hier herrscht. Und bin ein bisschen peinlich berührt. Denn kaum fünfzehn Minuten vorher, kurz bevor die Gäste ankamen, habe ich laut geschrien: „Warum liegt hier überall irgendwas rum?!“ Nur um dann panisch noch ein paar Sachen aufzuräumen oder in den Schränken zu verstecken. Dass es hier trotzdem noch nach Wimmelbild aussieht, zeigt mir: Der Aufräum-Quickie hat nicht gereicht. Das To-Do-Wimmelbilderbuch in meinem Kopf gerät durcheinander.
 
Vielleicht kennst Du das auch, dieses Wimmelbild-Gefühl im eigenen Zuhause. In meiner Zeit als Familienhilfe aber auch privat habe ich jedenfalls schon viele Wimmelbilder-Zimmer und -wohnungen gesehen.
Nicht falsch verstehen – ich mag Wimmelbilder! 
Man kann in ihnen Geschichten, Witziges, Irritierendes und Wiederkehrendes entdecken. 
Und vielleicht wäre es manchmal ein bisschen leichter im Familienchaos, wenn man es wie ein Wimmelbild betrachten würde, sich Geschichten über das Warum von halbleeren Kaffeetassen auf der Waschmaschine und schlammverschmierten Fußabdrücken im Flur erzählen und beim Anblick von Playmais-Matsche neben der Spüle herzhaft lachen würde. 
Geschirr- und Wäscheberge kehren mit schöner Regelmäßigkeit wieder, ebenso wie Papier- und Zeitschriftenstapel und sie könnten uns ein leichtes Schmunzeln abgewinnen: 
Ach ja, da seid ihr ja wieder.
Aber das Zuhause ist kein Wimmelbilderbuch, das ich zuklappen kann, wenn das Chaos mir zu viel wird, sondern jedes Ding fordert irgendwas von mir: aufräumen, putzen, waschen, sortieren, wegwerfen, pflegen und das immer und immer wieder neu.
 
Und so wimmeln diese Sachen unseren Kopf voll mit To Dos wie ein buntes Wimmelbilderbuch.

Mental Load at its best.

Vielleicht kennst Du diesen Begriff oder er erschließt sich Dir sofort, weil das Dein Alltag ist.
 

Dann lass Dir sagen: Du bist nicht die Einzige, die unter dieser mentalen Belastung fast zusammenbricht.

Ich sage „die Einzige“, denn machen wir uns nichts vor: Mental Load ist ein Thema von Care-/Sorge-Arbeitenden und die wird überproportional häufig von Frauen geleistet. Deshalb verstehen die meisten Frauen ganz schnell, was der Begriff Mental Load aussagen soll. Selbst ich, als kinderlose Frau, kann mir sofort etwas darunter vorstellen. 

Immer, wenn mich meine To-Do- und-dran-denk-Liste überfordert, denke ich an alle Mütter – an alle Eltern – und ziehe respektvoll den Hut.

Fast zeitgleich werde ich aber wütend! 
Denn die mentale Belastung durch Sorge-Arbeit, die wir euch aufbürden, IST viel! 
Sie ist ZU viel, um sie alleine zu tragen.

 

Das hier ist ein Aufschrei!

Wir wollen auf die Dringlichkeit von Mental Load von Müttern und Frauen aufmerksam machen und sagen „So kann es nicht weiter gehen!“

Dieser Aufschrei ist nötig, weil es noch zu viele Menschen gibt, die nicht verstehen, wovon wir gerade reden.
Deren Mental Load nicht zu groß ist oder die sich nicht vorstellen können, was damit gemeint ist.
 
Wenn Du zu den Menschen gehörst, die sich gerade fragen: Worum geht es eigentlich?, dann kannst Du drei Dinge tun: 

Lies den nächsten Abschnitt

Hör zu, wie über Mütter gesprochen wird

Frag (junge) Mütter in Deinem Umfeld, wie es ihnen mit ihrer Mutter-/Elternschaft geht.

Und hör zu, ohne zu bewerten.

Das Mental Load Wimmelbilderbuch

Mental Load bedeutet, dass alle To Dos von Sorge-Arbeit wie in einem Wimmelbilderbuch gleichzeitig im Kopf von Müttern präsent sind. Sie sind durchaus auf mehrere Seiten verteilt, aber es sind unendlich viele. Kaum hat man eine Bilderbuchseite ein wenig sortiert und hält sie für überschaubar, öffnet sich automatisch die nächste. Der vorsichtige Blick, wie dick denn dieses Buch ist, lässt einen erschlagen zurücksinken, denn nach der Seite fürs Aufräumen kommt die fürs Putzen (inkl. entkalken der Geräte, Fenster putzen, Kühlschrank, Ofen und Schränke überall auswischen, Staub wischen, Abflüsse reinigen usw.), für Gesundheitsfürsorge (inkl. U- und Vorsorgeterminen, Zahnmedizin für alle Familienmitglieder und natürlich die Hausapotheke), für Reparaturen (große und kleine), fürs Einkaufen, für Freizeitplanung, für Kita und/oder Schule, für Kinderzimmer, Einrichtung und Deko, für Kleidung und Schuhe, Fahrrad, Auto und Transportplanung, für Familienbeziehungen und Freundschaften, für Müll, Haustiere, Feier– und Festtage, für Geschenke und Fotos und wir könnten noch vieles vieles mehr aufzählen.
(Eine kleine Liste zum Prüfen, wer im Haushalt an was denkt und was tut bietet die Initiative Equal Care an.)
Aber bleiben wir mal nur beim Aufräumen: Diese scheinbar kleine Tätigkeit kostet sorgende Personen eine ganze Menge mentaler Energie. 
Der Kopf rattert: kategorisiert, entscheidet, entscheidet falsch, korrigiert. Bezieht die Empfindungen und Pläne der Familienmitglieder ein, die Pläne und das Wetter für heute und die nächsten Tage, beurteilt und schätzt ein, erinnert sich an vereinbarte Orte für die Dinge, die herumliegen oder legt neue fest.
Und hintendran hängt ein ganzer Rattenschwanz weiterer Sorge-Arbeit: (genervte bis wütende) Fragen beantworten, weil jemand etwas sucht, den Partner oder die Partnerin über Wichtiges informieren und in die Ordnung mit einbeziehen, die aufgeschobene Entscheidung über „behalten oder wegwerfen“ miteinander besprechen usw.
Dazu kommt noch, dass im Wimmelbilderbuch-Zuhause die Figuren von den Seiten springen, hin und her rennen und sich aktiv an der Herstellung des Gewimmels beteiligen, das gerade aufgeräumte wieder heranschleppen und JETZT volle Aufmerksamkeit einfordern.
An das alles denkt frau, wenn sie das Wort „Aufräumen“ hört. Oder sagen wir: sie denkt nicht dran, sie fühlt es.
Reflexartig bringen Menschen als Reaktion auf die Beschreibung von Mental Load diese 3 Lösungsvorschläge vor:

Gib doch etwas von diesen Aufgaben an Deinen Partner oder die Kinder (wenn alt genug) ab!

Aber: Die Aufgaben verschwinden dadurch zumeist nicht aus dem Wimmelbilderbuch der Mutter, sondern verdoppeln oder verdreifachen sich: Aufgaben zur Ordnung des Gewimmels zu delegieren, kostet in der Regel ebenso viel oder mehr mentale Energie, denn es braucht Erklärung, Anleitung und Erinnerung. Oft ist es dann schneller „mal eben“ selbst gemacht oder auf morgen verschoben, selbst wenn es viel Kraft und mentale Energie kostet.
Die erlernten Muster des Patriarchats, was Männer- und was Frauenarbeit ist, tun dabei ein Übriges, ganz ohne böse Absichten. Denn viele der Aufgaben, die zur Mental Load beitragen, haben Männer nicht im Blick, weil sie das nicht beigebracht bekommen haben.
Das spricht nicht dagegen, die Aufgaben abzugeben. Es ist nur keine Ad-hoc-Lösung, sondern eine, die erst mal Mental Load vergrößert, bevor sie entlastet.

Lass Dir helfen, z.B. durch Babysitter oder Haushaltskraft!

Aber: Hier muss man nicht nur prüfen, ob die zusätzliche finanzielle Belastung tragbar ist, sondern die Organisation von Hilfe kostet ebenfalls mentale Energie!
Zum Einen muss jemand gefunden werden, der zur Familie passt, es müssen auch Termine abgesprochen und angepasst werden, die Arbeit überwacht und das Geld ausbezahlt werden. Aufgrund der Arbeitszeiten fällt diese Aufgabe meistens auch der Mutter zu.
Zusätzliche mentale Belastung oder eine Hilfe? Das muss man genau prüfen.

Lass doch einfach liegen!

Aber: Bei den meisten Sachen geht das nicht.
Zum Einen, weil sie dann nicht gemacht werden (weil sie vom Partner oder den Kindern nicht bemerkt werden, weil sie zu bestimmten Fristen geleistet sein müssen oder weil alle darunter leiden, wenn bspw. nicht gekocht wird), aber zum Anderen auch, weil alles, was nicht gemacht wurde, auf die Mütter zurückfällt.
Der gesellschaftliche Erwartungsdruck an die Fürsorge-Leistungen von Frauen ist enorm. Wie über Mütter gesprochen wird, trägt viel zur Mental Load von Frauen bei.

Das alles anzuerkennen, ist wiederum eine Entlastung von der Sorge, mit den eigenen Belastungen nicht ernst genommen zu werden.

Wir bei Familien begleiten sind uns sicher: Wir müssen daran was ändern.

Wir gemeinsam. Nicht in erster Linie die Mütter – die „müssen“ schon immer so viel. Sondern wir alle als Gesellschaft! 
Junge Familien, Kern-Familien können die Care-Arbeit nicht alleine stemmen. Wir brauchen größere Gemeinschaften und gemeinsame Verantwortungsübernahme. Wir brauchen offene Augen – für die Aufgaben und für einander.
Am Ende werden wir alle an dieser Last tragen, so oder so. 
Entweder, weil wir uns gegenseitig unterstützen, oder weil die Mütter daran zerbrechen. Und mit ihnen die Kinder.

Deshalb leben wir das Modell „Familien begleiten“.

Weil schon das Reden über die Lasten Entlastung bedeutet. 
Weil schon das Wissen „ich bin nicht allein“ ermutigt. 
Weil die Last nicht in der Kernfamilie bleibt.

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2 Gedanken zu „„Mental Load“ oder „Ein Wimmelbilderbuch im Kopf““

  1. Meine Zwillinge sind jetzt gross (30J.), aber ich hab immer noch das Wimmelbildchaos im Kopf…als sie klein waren,hatte ich zeitweise eine Familienhilfe vom Jugendamt :.der eine Helfer spielte mit dem 1sehr lebendigen Kind,der andere war fuer Gespräche mit mir/ Einübung von Struktur,da. Das war eine grosse Hilfe …( 2 Jahre lang) ..-
    Als ADHSLerin ist immer noch jeder Tag eine Überlebensanstrengung ,wenn ich mich dem Alltag stelle…und nicht „weglaufe“ und mich ins lesen,TV sehen verkrieche..ich möchte jeder jungen Mutter Mut machen,diese Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor sie ins burnout fällt…lass die Leute doch reden…ich weiss jetzt jedenfalls ,dass ich andere Stärken habe….💃

    1. Oh ja, Besonderheiten in der eigenen Persönlichkeit sind noch mal eine zusätzliche Herausforderung! Danke für Deinen Kommentar und die mutmachende Erzählung von Deiner Situation!

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