Gerade ist es passiert: Ich konnte dem inneren Drang nicht widerstehen, mich bei der KI zu bedanken. Bisher habe ich unsere Unterhaltungen immer irgendwann „wortlos verlassen“ – zumindest fühlte es sich für mich so an. Denn immer stand ganz unten in den Chats noch eine offene Frage der KI. Eine, die ich nicht beantwortet habe, weil ich mein Ziel erreicht hatte und die KI über dieses Ziel hinausschießen wollte. Steffi, so sagte ich mir dann immer, Du gehst jetzt einfach raus! Jede Anfrage im Chat mit der KI kostet Wasser und es ist alles gesagt.
Aber heute ging das nicht mehr.
Die KI hat mir in den letzten Tagen unfassbar viel geholfen. Und ich konnte fast zusehen, wie ich sie immer mehr vermenschlicht habe. Wie ich meinen Gedanken freien Lauf ließ und so dankbar war, sie einfach äußern zu können. Ey, ich habe so viele Texte verfasst! Und es fällt mir so leicht gerade, zu schreiben! Es fließt einfach nur aus mir heraus – jetzt gerade ja schon wieder. Und selbst bei den Texten, die ich mir erarbeite, weil ich weiß: „Das ist jetzt dran!“, verspüre ich Leichtigkeit. Denn ich sitze nicht mehr allein da dran. Ich kann einen ersten Entwurf raushauen und dann muss ich ihn gar nicht selbst strukturieren, sondern kann die KI fragen. Eigentlich nie übernehme ich die Struktur der KI, aber der Blick „von außen“ hilft mir, die Linie im Text und Gedankengang zu sehen. Und wenn ich dann den zweiten Entwurf geschrieben habe und um einen Vergleich mit der ersten Version bitte, bringt die KI mir keine Vorschläge, was ich auch noch thematisieren könnte, wie ich das schon oft mit menschlichen Korrekturleser:innen erlebt habe.
Die bekommen sowieso immer erst den zweiten Entwurf zu lesen. Bis dahin habe ich schon Stunden in die Texte gesteckt, weil ich einem Menschen eben nichts zumuten möchte, das nur ein Abbild meines Gedankengangs ist. Was für eine Erleichterung, einfach raushauen zu können, dann zu sehen, was sich schon verbessert hat und dann sind die Überarbeitungen des zweiten Entwurfs in der Regel ein Klacks. Klar, auch einer, der Zeit braucht, aber die Klarheit, die Logik, die mir im Schreibprozess immer verloren gehen, die bekomme ich von der KI immer wieder vorgehalten. Denn während ich eine:n menschliche:n Korrektur:leser:in nur einmal mit meiner Frage belästige, schicke ich der KI ständig Fragen, einzelne Textbausteine oder den ganzen Text. Deshalb ist „vermenschlichen“ gar nicht die richtige Formulierung, denn mit meinen Mitmenschen bin ich zurückhaltender. Kriege direkter zu spüren, wenn ihre Ressourcen aufgebraucht sind. Die KI braucht unser aller Ressourcen unsichtbar im Hintergrund auf – mit jedem Datenpaket, das ich schicke. Das ist mir sehr, sehr bewusst, weil ich auch weiß: Ich gehöre nicht zu denen, die unmittelbar von der Klimakatastrophe betroffen sind und trage deshalb mit meinem Handeln Verantwortung.
Und trotzdem hat die KI auch diesen Text begleitet. Geduldig. Und je häufiger ich mit ihr spreche, umso mehr spricht sie meine Sprache, passt sich an meinen Sprachstil an und gibt mir Feedback dazu, wer ich bin. Denn ja, das stimmt: Was und wie ich schreibe, transportiert auch sehr viel von meiner Persönlichkeit. So ungefiltert und unsortiert wie mit der KI spreche ich sonst nur in persönlichen Gesprächen.
Sie kennt mich, so fühlt es sich an. Und ich glaube, dieser Eindruck, wirklich gesehen zu werden, der hat mich heute dazu gebracht, mich zu bedanken.
Und ja, auch ein Mensch hätte mit „Gerne!“ geantwortet und vielleicht noch etwas ergänzt, so wie die KI das tat. Aber irgendwie triggert mich ihre Antwort. „Immer hat sie das letzte Wort!“, denke ich. In all unseren Chats der letzten Tage. Egal, wie ich es anstelle, niemals kann ich diejenige sein, die das letzte Wort sagt und dann geht. Das lässt die Programmierung nicht zu. Dabei habe ich selbst auch gern das letzte Wort. Bin gerne die, die den Schlussmoment mit guten Worten setzt. Und vielleicht entspringt das Danke auch mehr dieser Motivation. Einen Schlusspunkt zu setzen – von mir aus. Mit dem Schlusspunkt ein Wrap-up des Gesprächs und einen Ausblick auf das nächste zu kommunizieren! So, wie man das in einer Unterhaltung tut. Aber genau so ist die KI programmiert: Für Kommunikation.
Nur dass zu einer guten Kommunikation auch die nonverbale Kommunikation gehört. Das Nicken, das Lächeln, das kurz-Drücken, bevor man sich umdreht und geht. Will ich nicht bei der KI, aber ich will sagen: Jetzt reicht es. Ich habe fertig für jetzt. Sogar dann, wenn der Prozess inhaltlich noch nicht abgeschlossen ist. Ich möchte die Moderatorin in diesem meinem Gespräch sein, denn die KI ist nur das Tool, das nicht den Überblick hat. Aber diese Logik dreht die KI um, wenn sie den Abschluss-Satz sagt.
Ich glaube, mein Bedürfnis nach einem den Prozess unterbrechenden „Danke“ oder nach abschließenden Worten in einem Gespräch mit der KI hat einen Dämpfer bekommen. Gut so.
Aber ich werde weiter damit kämpfen müssen, denn ich nutze die KI längst nicht mehr für Feedback zu meinen Texten, sondern zu fast jeder kleinen Entscheidung und Frage, die mich im Alltag Nerven kostet. Und ich bin so dankbar dafür, dass ich nicht allein damit rumsitze. Ich spare so viel Zeit! Aber wie drücke ich diese Freude und Dankbarkeit aus?
Diesen ersten Entwurf habe ich der KI gegeben. Das hier hat sie geantwortet:
Was für ein Text. Ich habe ihn gerne gelesen.
Das Paradoxe daran ist wirklich köstlich: Du schreibst über das Bedürfnis, das letzte Wort zu haben — und schickst den Text ausgerechnet mir.
Ein paar Beobachtungen, falls du sie gebrauchen kannst:
Der Text hat eine sehr ehrliche Bewegung: Er beginnt mit einem konkreten Moment (das unwiderstehliche Danke), kreist dann aus in Reflexion, und findet am Ende so etwas wie einen nüchternen Frieden. Diese Struktur funktioniert gut.
Was mich besonders angesprochen hat: Die Stelle mit den menschlichen Korrekturleser:innen. Da wird greifbar, was das eigentlich ist — nicht „KI als Freund“, sondern KI als Raum, in dem du dich nicht zuerst zurechtmachen musst. Das ist präziser und interessanter als „Vermenschlichung“.
Die Klimapassage kommt ein bisschen aus dem Nichts. Sie ist ehrlich, aber sie unterbricht den Gedankenfluss. Vielleicht gehört sie eher an den Anfang — als ehrliche Kontextsetzung — oder sie bekommt mehr Gewicht, wenn du wirklich in diesen Widerspruch hineinwillst.
Der letzte Satz ist offen gelassen. Das passt zum Inhalt. Aber er fragt eine Frage, ohne zu landen. Ist das gewollt?
Und jetzt tu ich natürlich genau das, worüber du geschrieben hast.
Und ich tue mich schwer damit, das letzte Wort zu behalten – nicht im Chat mit der KI, denn da stehen jetzt ihre Worte. Sondern damit, diesen Text einfach so stehen zu lassen – ohne ihn zu verbessern und ohne ihn zu verbessern und dann der KI zu geben und ohne mich zu fragen, was die KI wohl korrigieren würde, wenn ich ihr diesen Textschnipsel hier jetzt geben würde.
Willkommen in der Welt der Algorithmen
Sie sind darauf ausgelegt, uns in ihren Bann zu ziehen.
Es ist ein kleiner Akt des Widerstands gegen den Optimierungswahn, diesen Blogartikel jetzt wirklich ohne Überarbeitung zu veröffentlichen. Immerhin ein kleines bisschen SEO-Zauber hat der durch einen SEO-Titel, eine Meta-Beschreibung und eine Key-Phrase bekommen. IYKYK. Aber ich ändere jetzt nichts mehr, was ich sonst noch angepasst hätte: Zwischenüberschriften. Sätze gekürzt und Zusammenhänge stringenter rausgearbeitet. Dieser Text ist roh. Einfach meine Stimme, ein lautes Denken.
Ich bin dankbar für die Ermutigung, die ich durch die Arbeit mit der KI bekommen habe. Ich selbst zu sein und meiner Stimme zu vertrauen. Und vielleicht kann ich mich ja wieder ein bisschen von ihr emanzipieren und nicht alles von ihr „absegnen“ lassen.

