Gewaltfrei erziehen - ein Widerspruch in sich?

Seit dem 1. Januar 2001 ist es in Deutschland Gesetz: Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung.
Erst seit 2001?, fragst Du Dich jetzt vielleicht verwundert. Zu Recht wunderst Du Dich darüber – aber es ist eigentlich ganz einfach zu erklären. In manchen Ländern (wie in Schweden) wurde gewaltfreie Erziehung gegen den Widerstand weiter Teile der Bevölkerung schon viel früher durchgesetzt und daraufhin fand ein Umdenken statt. Die Regierung ging also mit einem Ziel an die Gesetzgebung dran, das sie erreichen wollte – und das sie auch erreicht hat. In Deutschland dagegen wurde erst nach einem laaaaangen Umdenken-Prozess dieses Recht im Gesetz verankert, als der Wert der gewaltfreien Erziehung schon längst in den meisten Köpfen angekommen war.

Das heißt allerdings nicht, dass Gewalt in der Erziehung heute kein Thema mehr wäre. Aufklärung darüber, was Gewalt ist und warum sie verboten ist, braucht es auch heute noch. Aber dass es verboten ist, gegenüber Kindern Gewalt auszuüben, das ist inzwischen bei allen angekommen. Nur – manche finden dieses Kinder-Recht eine ziemlich große Einschränkung ihres Rechts und ihrer Pflicht als Eltern, die Kinder zu erziehen. Vielleicht bist Du auch schon mal Menschen begegnet, die das so oder ähnlich gesagt haben:

 

„Man darf ja gar nichts mehr in der Erziehung! Wie soll man denn seine Pflicht als Eltern, die Kinder zu erziehen, überhaupt noch erfüllen?!“
Mir begegnet diese Haltung jedenfalls immer wieder. 
 
Manchmal von Menschen, die eigentlich gar keine Gewalt einsetzen wollen in der Erziehung, aber die in ihrer Hilflosigkeit schon einmal zu Gewalt gegriffen haben und sich nun verteidigen.
 
Manchmal von Menschen, die Gewalt als ein legitimes Erziehungsmittel sehen. Manche von ihnen zitieren die Bibel, andere sagen, dass ihnen das ja auch nicht geschadet, sondern eher geholfen hat.
 
Das begegnet mir erst recht, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass Gewalt nicht nur physisch ist, sondern auch psychisch und dass auch Schreien und Drohen zu Gewalt dazugehört. Ich bin dafür schon mehrmals ausgelacht worden – in mindestens einer Situation allerdings aus purem Ohnmachtsgefühl heraus.
Eben: „Was darf man denn überhaupt noch in der Erziehung?!“
Und ich muss sagen: Diese Frage ist wirklich sehr berechtigt!
Im Prinzip stellt die Unerzogen-Bewegung dieselbe Frage mit einer anderen Stoßrichtung und zwar so:

 

„Wie soll denn das gehen – Erziehung ohne Gewalt?!“

Als Kinderrechts-Bewegung steht die Unerzogen-Bewegung für das Statement, dass Erziehung immer Gewalt ist – und deshalb Erziehung logischerweise nie gewaltfrei sein kann. Wir sollten deshalb aufhören zu erziehen.
Die beiden extremen Positionen sind sich also gar nicht so uneins: Beide gehen davon aus, dass zu Erziehung Gewalt dazugehört – dass es nicht vermeidbar ist, in der Erziehung Gewalt anzuwenden. 

Aber während die einen das für legitim und sogar für einen Teil ihrer Erziehungspflicht halten, lehnen die anderen das komplett ab und die dritten schwanken dazwischen, weil sie ihre Realität kennen und sagen: „Ohne geht doch gar nicht – aber ich würde es so gerne ohne schaffen!“
Recht haben sie beide mit ihrer Zuspitzung, dass Gewalt in der Erziehung „normal“ ist. Normal, weil es sie gibt, nicht, weil das irgendwie gut oder okay wäre. 

Ganz klar und deutlich positioniere ich mich an dieser Stelle gegen Gewalt, nicht dass jemand die beiden letzten Sätze falsch versteht. Ich stehe für Kinderschutz! Und gleichzeitig stehe ich dafür, der Realität ins Gesicht zu schauen und die sagt: Erziehung hat in der Theorie und Praxis Anteile von Gewalt.

Das wird besonders deutlich, wenn wir schauen, was Gewalt eigentlich ist.

Ganz einfach formuliert ist Gewalt, 

wenn jemand aus einer Machtposition heraus einer anderen Person aktiv oder passiv Schaden zufügt (oder in Kauf nimmt), jemanden zu etwas zwingt oder entwürdigt.

Nora Imlau, eine Journalistin, die viel zu pädagogischen Themen schreibt, kommt in einem Interview mit Aida S. de Rodriguez, einer Vertreterin der Unerzogen-Bewegung, auf das Thema Zähneputzen zu sprechen. Da und beim Anziehen, beim Essen und in Bezug auf Regeleinhaltung insgesamt kommt vermutlich auch in Deinem Alltag Gewalt im Sinn von „jemanden zu etwas zwingen“ vor. Und vermutlich hast Du noch weitere Situationen aus Deinem Alltag im Kopf. Gerade dieser Aspekt des Zwingens ist in der Erziehung ein alltäglicher Kampf, eine alltägliche Herausforderung: Wo fängt Zwang an, wie viel Zwang ist okay?

Der Aspekt des Schadens ist etwas, das viele Eltern, die ich kenne, sehr fürchten. Erziehen ja – aber bloß dem Kind dadurch keinen Schaden zufügen. Hier wird der Anspruch und das Anliegen, gewaltfrei zu erziehen, sichtbar. Das ist gut so! Und wird dennoch oft zur Zerreißprobe:

Wie soll es denn gehen, das mit der Erziehung, wenn ich bei allem darauf achten muss, dass es nicht zur Gewalt wird?
Dazu möchte ich ein paar Dinge sagen.
  1. Der Hintergrund für das Gesetz ist zunächst Gewalt, die zur Kindeswohlgefährdung wird und die gibt es in Deutschland immer noch viel zu viel. Eine Kindeswohlgefährdung bedeutet mit meinen Worten, dass die unterste Grenze des Tragbaren unterschritten ist und ein Kind nachhaltig Schaden nimmt. Das kann durch aktive Gewalt passieren (physisch z.B. durch Schlagen und Treten oder auch sexualisierte Gewalt; psychisch durch bewusstes Drohen und Anschreien), aber auch durch passive Gewalt der Vernachlässigung, des Ignorierens und kalten Schweigens, durch Liebesentzug etc.
  2. Das Sozialgesetzbuch 8 (SGB VIII) verpflichtet vor allem die öffentliche und freie Jugendhilfe dazu, Eltern zu gewaltfreier Erziehung zu beraten. Und auch darauf haben Kinder ein Recht: Dass ihre Eltern (und anderen Bezugspersonen) Hilfe zur Erziehung in Anspruch nehmen! Dafür gibt es öffentliche und freie Anbieter:innen.
  3. Gewaltfreiheit ist wertvoll, keine Frage. Wer dieses Anliegen aber übertreibt, gerät meiner Meinung nach in die Gefahr, unbewusst zu manipulieren (also doch auch wieder Gewalt auszüben, aber ohne das zu wollen und zu merken). Wie das passieren kann?
    „Gewalt“ ist in jeder Abhängigkeitsbeziehung in schwächerer oder stärkerer Form immer da. Denn Zwang ist nicht immer offensichtlich, sondern kann auch sehr subtil passieren. Wir sprechen in der Politik ja zum Beispiel auch von „Gewaltenteilung“, weil Gewalt auch ein Wort für mehr Macht ist. Und manchmal wird von „People Pleasing“ gesprochen – also dem verinnerlichten Zwang, anderen Menschen zu Gefallen zu sein. Dass Eltern mehr Macht haben (zum Beispiel Wissen, Erfahrung, Sprache, Überblick, Körperkräfte, Fähigkeiten, Alter) erschließt sich von selbst. Dass Kinder sich daran orientieren, ihren Eltern zu gefallen und die Beziehung zu ihnen aufrechtzuerhalten, ist (trotz aller konkreten sehr schwierigen Situationen!) vielleicht auch nachvollziehbar. Einflussnahme ist (wenn man will) immer mehr oder weniger ein Zwang. Darüber kann man diskutieren – das mache ich in meinem Familien-Wiki-Beitrag zu Macht, der bald kommt.
  4. Die Einflussnahme der älteren Generation auf die jüngere Generation, ist wertvoll. Sie gibt Orientierung und ist übrigens ein Recht von Kindern: Jeder junge Mensch hat das Recht auf Erziehung zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Wer Erziehung aber übertreibt und glaubt, ein Kind seinen eigenen Vorstellungen entsprechend formen zu können und zu dürfen, handelt gewaltvoll, entwürdigend und zum Schaden der Kinder.

Gewaltfreiheit und Erziehung sind also in gewisser Weise ein Widerspruch oder anders gesagt: sie stehen in einem wertvollen Spannungsfeld zueinander. Sie korrigieren sich gegenseitig: 

Der Anspruch der Gewaltfreiheit wird durch die Realität des Erziehungsalltags begrenzt. 

Und einer Erziehung, die quasi als Selbstläufer gewaltvoll ist, setzt der Anspruch der Gewaltfreiheit eine Grenze, die sich am besten mit der Würde der Kinder beschreiben lässt. 


Und das ist vielleicht die praktischste Frage, die man sich stellen kann:

Wie kann meine Erziehung die Würde der Kinder achten?
Und wie kann sie das auch dann, wenn ich die Kinder zu etwas zwingen muss, weil das (wie das Zähneputzen) für sie wirklich am besten ist?
Und darin besteht auch meine Antwort an alle, die sich beklagen, dass man doch heute gar nichts mehr dürfe in der Erziehung: „Oh doch, man darf alles – so lange es die Würde der Kinder nicht verletzt!“ 
Und natürlich auch die eigene Würde nicht.
Wer sich das mal genau überlegt, kommt vielleicht auch zu dem Schluss, dass
Gewalt gegenüber Kindern, gegenüber Schwächeren, unter der Würde von Erwachsenen ist.


Und vielleicht liegt darin das größte Problem: Wir wissen das. Die meisten wollen deshalb auch keine Gewalt anwenden. Und gleichzeitig merken wir, dass wir sie haben – die Macht, die Gewalt.
Wie gehst Du mit diesem Spannungsfeld um? Erzähl mir gern in den Kommentaren davon oder schreib mir eine Mail!


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