Gemeinden als Dörfer für Familien

Versorgungsgemeinschaft

Eine Gemeinschaft, die Dich und Deine Familie trägt. Die über euch hinausgeht, unabhängig von euch existiert – die sich aber mit den Menschen verändert, die sich einbringen. Eine Gemeinschaft, in der ihr auch andere tragt.

„Ich träume von Gemeinden, die wie Familien danach streben, „caring communities“ zu sein: interessierte, zugewandte, fürsorgliche und versorgende Gemeinschaften, Menschen aus unterschiedlichen Lebensphasen und -situationen, die sich einander zugehörig erleben und Räume dafür schaffen, dass jede und jeder die eigene Persönlichkeit entfalten und seinen oder ihren ganz eigenen Beitrag für die Gemeinschaft entdecken und leben kann. Gemeinschaften, die versöhnt leben – mit Gott und miteinander – und dazu einladen, teilzuhaben.“ Aus: Familienleben und Gemeindearbeit. S. 266

Wenn Du beim Lesen gerade gedacht hast: „Ja, bitte! Genau das brauchen wir!“, sind einige Dinge ziemlich wahrscheinlich, aber gar nicht mal so selbstverständlich.

Das fängt schon damit an, dass Du das Sprichwort vom Dorf kennst. Überraschung – es ist außerhalb der Bubbles von Eltern und an Pädagogik Interessierten nicht unbedingt bekannt. Als ich neulich über Dörfer für Familien sprach, fragte jemand: Du meinst gar nicht das politische Dorf, wenn Du vom Dorf sprichst, oder? Nein, tue ich nicht. Ich meine das Dorf aus dem afrikanischen Sprichwort: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.“

Tatsächlich passiert mir das auch mit dem Wort „Gemeinde“ immer mal wieder. Auch da fragen Menschen nach, ob ich die politische Gemeinde meine. Nein. Ich meine christliche Gemeinden. Und in der Regel habe ich dabei sogar eher freikirchliche Gemeinden und landeskirchliche Gemeinschaften vor Augen, auch wenn gerade die theologischen Inhalte auch auf die Gemeinden der Landeskirchen zutreffen. Aber je nachdem, was jemand in und mit Gemeinden erlebt hat, ist eine positive Reaktion auf das Thema „Gemeinden als Dörfer für Familien“ nicht selbstverständlich. Ich selbst habe Gemeinde die meiste Zeit meines Lebens als wertvolle und unterstützende Gemeinschaft erfahren. Und das nicht nur als Empfangende, sondern auch als Gebende.

Diese Gemeinschaft ist attraktiv. Wer dazugehört, ist versorgt und sorgt selbst für andere, die nicht dazugehören. Wie sagte Bonhoeffer: Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Oder Die Kirche ist die einzige zusammenwirkende Organisation, die sich um Nicht-Mitglieder kümmert. Gemeinden als Dörfer für Familien ist also keineswegs auf Menschen beschränkt, die Teil der Gemeinde sind.

Aber wie soll das gehen? Wer soll das leisten? Diese Frage begegnet mir immer wieder. Sie ist berechtigt, denn füreinander zu sorgen, kostet Zeit, Geld und Kraft. In unserer erschöpften Gesellschaft fehlen vielen Zeit und Kraft für ehrenamtliches Engagement. Manche(r) könnte wahrscheinlich die Arbeitszeit reduzieren und würde beides gewinnen. Und es gibt auch die Menschen, die das dann fehlende Geld gut verschmerzen könnten. Das gilt aber definitiv nicht für alle. Denn Geld ist sehr ungleich verteilt.

Gegenseitige Hilfe und Unterstützung haben in den meisten christlichen Gemeinden Tradition.

Aber: Sie sind oft für den Notfall und Ausnahmezustand reserviert. Immer mehr Familien sagen, dass ihr Alltag genau das ist: ein fortwährender Ausnahmezustand, der Überforderung und Überlastung bedeutet. Davon erfahren wir allerdings vor allem in den Medien, in Umfragen und Statistiken.

In persönlichen Gesprächen stellt sich das oft anders dar. Vielleicht klagen Familien, sprechen davon, dass sie „halt keine Großeltern vor Ort haben“ und dass es das Dorf nicht mehr gibt, dass es doch braucht, um ein Kind zu erziehen. Aber sie bemühen sich auch zu betonen: Es geht schon noch irgendwie. Muss ja. Weitermachen ist nicht optional, immerhin geht es um die Versorgung von Kindern. Und die nimmt einem keiner ab. Damit haben sie Recht. Die kann einem auch keiner abnehmen, denn Elternschaft gilt mehr denn je als eine persönliche Entscheidung und die Sorge für ein Kind damit als etwas, das nur einen selbst etwas angeht, das die höchste Priorität und Verantwortung im Leben sein sollte.

Deshalb teilen viele Eltern trotz der starken Belastungen erst im absolutesten Notfall die Aufgabe der Fürsorge mit anderen. Wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Die Überzeugung, dass man es allein schaffen sollte, ist so tief verinnerlicht, dass sie unbewusst daran hindert, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir wollen eben die Starken sein, die, die helfen – nicht die, die Hilfe brauchen.

80% der Eltern sagten einer Umfrage im April 2025 zufolge, dass sie erschöpft sind (QUELLE). 59% derjenigen, die oft oder manchmal psychische Beschwerden aufgrund ihrer Elternrolle haben, wünschten sich eine Pause vom Alltag mit den Kindern. 48% gaben an, dass ihnen Unterstützung durch den Partner bzw. die Partnerin oder die Familie fehlt. 46% fühlten sich durch die Planung der außerschulischen Aktivitäten der Kinder überfordert.

Das kann einem schon Sorgen machen.

Was ist dieses Dorf eigentlich?

Weil die Bilder und Vorstellungen zu Dörfern eine Rolle dabei spielen, wie wir handeln und reden, was wir erwarten und was nicht, lohnt sich ein genauerer Blick: Warum brauchen Familien ein Dorf, was verbinden wir hier in Europa mit dem Dorf, was steckt im afrikanischen Sprichwort – und welche Rolle spielen Gemeinden bei der ganzen Sache?

Die meisten Eltern denken beim Sprichwort vom Dorf an zwei Dinge:

  1. Entlastung in ihrem Alltag. Die ist auch dringend nötig, denn Familienleben heute steht unter hohem Druck.
  2. Vorbilder und andere Erwachsene, die ihre Kinder positiv prägen.

Beide Erwartungen sind durchaus realistisch und ich würde sogar sagen, dass Gemeinden die Institutionen mit den besten Möglichkeiten für beides sind. Gleichzeitig können sich diese Erwartungen nur verwirklichen, wenn ein paar Assoziationen und Ideale bearbeitet werden.

Familien unter Druck

Wer selbst nicht in der heißen Familienphase steckt, bekommt nicht unbedingt mit, dass Familienleben sich in den letzten Jahren intensiver geworden ist. Da sind die offensichtlichen Veränderungen: die allgegenwärtigen Medien und die veränderten Rollen von Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern. Und es gibt die mehr oder weniger laut und bewusst verhandelten Themen wie Umgang mit Macht und Privilegien, Mental und Emotional Load durch Care-Arbeit, Idealisierung von Kindheit, massive Ungerechtigkeiten, die freundlich „soziale Ungleichheit im Lebenslauf genannt werden“. Wie sehr diese Dinge die Lebensrealitäten vieler Familien beeinflussen, ist vielen Menschen in Gemeinden unsichtbar. Es fehlen Bewusstsein und Anerkennung für Belastungen und Erwartungen an Familienleben und dass Eltern sich alleingelassen und beurteilt fühlen. Deshalb bleibt auch unbemerkt, dass gut gemeinte Kommentare und Fragen zu Familie ebenso wie manche Lehre zu Ehe und Familie in christlichen Gemeinden den Druck erhöht – und damit Widerstand hervorruft, statt zu ermutigen.

allein verantwortlich

Das Bewusstsein über die Bedeutung, die Familie im Leben eines Menschen hat, ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen und steigt weiter. Verschiedene Forschungen zeigen die Effekte von familiären Rahmenbedingungen, von Prägungen und Erfahrungen auf Bildung, physische und psychische Gesundheit, auf Beziehungen und politische Gesinnung, auf Reichtum und viele andere Themen. Psychologisierung und Pädagogisierung der Gesellschaft verlagern den Fokus des Familienlebens darauf, den Kindern optimale Bedingungen für Glück und Erfolg zu geben (wie auch immer Glück und Erfolg jeweils definiert sind).

Kinder stehen deshalb immer mehr im Zentrum von Familien, denn sie sind die Abhängigen, die Schutzbedürftigen, diejenigen mit dem Recht auf Erziehung zu selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Eltern stehen den Kindern gegenüber in der Pflicht, denn sie haben sich ja für die Elternschaft entschieden. Je selbstverständlicher Verhütung und auch Beendigung einer Schwangerschaft in der Gesellschaft wird, umso mehr wird die Entscheidung für ein Kind zur alleinigen Verantwortung der Eltern, insbesondere der Mütter. Sie werden dafür zur Rechenschaft gezogen, wie sie dieser Verantwortung nachkommen. Sie sind verantwortlich dafür, ihren Kindern eine bestmögliche Kindheit zu ermöglichen. Aber wehe, sie orientieren sich zu sehr an den Kindern! Ihr Umgang mit den Kindern wirkt auf auf viele Menschen aus anderen Generationen und Lebenssituationen eher wie ein Ideal, vielleicht sogar ein fehlgeleitetes Ideal. Dann wird ihnen vorgeworfen, selbst Schuld zu sein an der Erschöpfung und Überforderung, statt sie als Not und Wirkung von gesellschaftlichen Erwartungen zu erkennen.

So machen eben nicht nur die Veränderungen in der Erwerbstätigkeit von Frauen das Familienleben heute anspruchsvoller. (Zu den selten realisierten Tatsachen gehört: Die Erwerbstätigkeit von Frauen sichert das, was es aktuell an Rente gibt!) Auch die beständige Reflexion und Evaluation der eigenen Erziehung und Beziehung zum Kind/den Kindern, zum Partner/der Partnerin und wie all das auf alle anderen wirkt. Der Bedarf zur Unterstützung für Familien steigt auch durch schwindende Netze vor Ort durch erhöhte Mobilität.

Der dritte große Punkt ist das Cocooning, die Tendenz, dass Familien sich in ihre Räume, in ihren Privatraum zurückziehen. Ein Prozess, der im 19. Jahrhundert begann mit der Idealisierung von den eigenen vier Wänden und dem Rückzugsraum der Familie, wo aus dem halböffentlichen Raum des Hauses ein Privatraum wurde, in dem es nur einen Raum, die gute Stube, für die Öffentlichkeit gegeben hat. Diese gute Stube gibt es heute selten. Die sozialen Medien drehen das auch in weiten Teilen wieder, dass gut kuratiert ausgewählt wird, welche Ausschnitte aus dem Privatleben durch die sozialen Medien auch in die Öffentlichkeit gelangen werden. Aber so wie die gute Stube dient, das der Repräsentation als gute und gelingende Familie. Was sonst in Familie stattfindet, bleibt in der Regel unsichtbar, insbesondere die Belastungen, insbesondere die Konflikte. Es herrscht die Überzeugung, dafür ist man selbst verantwortlich als Familie. Auch in diesen Herausforderungen könnte das Evangelium Entlastung bieten, könnte Authentizität und Ehrlichkeit in echten Beziehungen eine Chance bieten.

von außen bewertet

Dennoch wird manchmal in Frage gestellt, warum Familien heute so belastet und überfordert sind. „Wir haben das doch auch geschafft!“, heißt es dann. 

Die wahrscheinlich größte Herausforderung liegt in der Idealisierung von Familie, die Belastungen für Familien verschärft. Dass Familie idealisiert wird, ist gesamtgesellschaftlich so. Im christlichen Kontext wird dieses Idealbild aber oft zusätzlich mit einer theologischen Begründung versehen. Die geschlechtstypischen Rollen von Männern und Frauen werden auf eine Schöpfungsordnung zurückgeführt. Diese Ordnung verspricht Orientierung und Halt in einer immer komplexer werdenden Welt.

Diese Idealisierung führt jedoch zum Gegenteil: Familien werden zerrieben zwischen den Widersprüchen ihrer Realitäten und den Ansprüchen, die ihnen als Evangelium, als gute Nachricht, verkauft werden.

Dabei würde das Evangelium der Gnade gerade in ihre Erfahrung, Ansprüchen und Idealen nicht zu genügen, mit großer Barmherzigkeit hineinsprechen. Neben der praktischen Entlastung, die sicher auch immer hilfreich ist, könnte der christliche Glaube eine Entlastung von Ansprüchen, von Schuld, von Scham, von Angst sein.

Das Dorf als Lösung

Das Dorf ist die vielbeschworene Lösung für diese Belastungen. Dörfer sind das Netzwerk für den Alltag – das typische „Hast Du mal ne Milch für mich?“ Ähnlich wie die Idealisierung von Familie als private Einheit aus Vater, Mutter und Kind(ern) entstand mit den Dorfgeschichten im 19. Jahrhundert auch eine Idealisierung der Dorfgemeinschaft. Dass wir aktuell eine Renaissance dieser Idealisierungen von Familie und Dorf erleben, ist nicht zufällig: Damals wie heute sehnten Menschen sich in den heftigen gesellschaftlichen Umbrüchen nach Halt und Orientierung in klaren und überschaubaren Beziehungsstrukturen.

Allerdings verhindert die Individualisierung jede Überschaubarkeit. Oder anders ausgedrückt: Je individueller wir werden, umso komplexer wird die Welt. Das wiederum hat Auswirkungen darauf, wie Gemeinschaft überhaupt gelebt werden kann.

„Als die Person, die ich bin und werden kann, ausreichend Raum für Entfaltung und Entwicklung meiner Begabungen und Fähigkeiten zu bekommen – das ist der moderne und individualisierte Anspruch an einen Platz in der Gemeinschaft“ (FamGem 2025, S.???)

„Gerade Familien suchen nach Wegen, eine ausgeprägte Individualität mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen zu realisieren und gleichzeitig echte Verbundenheit in einer Gemeinschaft zu leben.“ (FamGem 2025, S.???)

Doch diese Enge in Familie und Dorf gibt es nur zusammen mit Dörfer sind gar nicht mal so geil. Es wird beobachtet, getratscht, reingeredet. Dinge, die vehement bekämpft werden. Was oft abfällig mit „sehen und gesehen werden“ beschrieben wird, stärkt das Gefühl der Zugehörigkeit und ist Teil der Aushandlung von Gruppennormen.

Die Netzwerkforschung zeigt, dass stabile Netzwerke aus vielen losen und einigen engen Verbindungen bestehen. Dörfer pflegen ihre Gemeinschaft durch Feste und Rituale als Gruppe.

Im originalen Kontext mancher afrikanischen Kulturen geht es bei dem Dorf, das erzieht, nicht um Entlastung für Eltern, sondern darum, dass andere Erwachsene und Kinder mit Einfluss nehmen auf die Erziehung des Kindes, dass es eine gemeinsame Verantwortung dafür gibt, dass Kinder gemeinschaftsfähig werden. Es geht um Gemeinschaft. Und damit auch um gemeinsame Verantwortung für die soziale Situation, in der man sich gemeinsam befindet. An der Stelle erweist sich die alleinige Verantwortung, die Eltern für ihre Kinder haben und die ihnen zugeschrieben wird als Bumerang, weil Eltern sich immer wieder zwischen ihre Kinder und andere Erwachsene stellen, um zu vermitteln, um zu übersetzen, statt den anderen Erwachsenen und ihren Kindern zuzumuten und zuzutrauen, aneinander und miteinander zu lernen.

Wenn ich darüber spreche, begegnen mir die unterschiedlichsten Reaktionen.

Gemeinden sind schon Dörfer

Manche sagen, dass Gemeinden doch schon Dörfer für Familien sind. Dass Familie allein nicht machbar ist, scheint manchen Menschen eine Übertreibung und anderen eine Unterstellung nach dem Motto: „Eltern bekommen ihr Leben nicht auf die Reihe und deshalb sollen jetzt Gemeinden das Familienleben retten!“ Dass es aber doch zu viel ist, merkt man in Gemeinden unter anderem daran, dass Eltern sich aus der Mitarbeit zurückziehen. Es ist schwer, Eltern zu finden, die Leitungsverantwortung übernehmen – und behalten. Insbesondere Mütter setzen die Priorität bei der Familie, wenn sie für Dienste angefragt werden. Weil das dem weit verbreiteten Rollenverständnis von Frauen entspricht, führt das selten zu Irritation. Bei Vätern dagegen durchaus, insbesondere, wenn der Rückzug aus den Verantwortlichkeiten andauert. Das wird dann mit dem Vorwurf quittiert: Wir haben das doch auch geschafft! Wobei das eigentlich kein Vorwurf sein soll, sondern eher eine ungläubige Frage ist: Was ist denn heute so anders, was macht diesen Familienalltag anspruchsvoll, dass neben Care-Arbeit und Erwerbstätigkeit keine Kraft und Zeit für Ehrenamt in der Gemeinde zu bleiben scheint? Dass dahinter laut Statistiken eine echte Not steckt, wird weder gesehen noch anerkannt. Dabei haben sich nicht nur viele Rahmenbedingungen grundlegend geändert, wie die Tatsache, dass das Schaffen auf einer ganz anderen, klaren und wenig flexiblen Rollenaufteilung basierte, sondern aus Perspektive vieler junger Eltern heute haben die eigenen Eltern es eben nicht „geschafft“. Sie fühlten sich z.B. gegenüber den Aufgaben in der Gemeinde vernachlässigt, haben keinen guten Umgang mit Emotionen gelernt und manche Glaubenssätze übernommen, die ihnen noch heute zu schaffen machen. Deshalb nehmen manche Abstand zu Gemeinden und sind vorsichtig, wem sie ihre Kinder anvertrauen.

Und wenn ich davon spreche, dass Gemeinden Dörfer für Familien sein und werden sollten, ist das auch keine Defizitbeschreibung von Familien und Gemeinden. Denn es gibt sie schon, die Gemeinden, die sich wie ein Dorf für die Familie oder sogar wie eine erweiterte oder Wahlfamilie anfühlen. Ich kenne viele Geschichten und habe es selbst erlebt, wie Gemeinden für einzelne Menschen und für Familien das Netz gewesen sind, das sie in Zeiten der Not aufgefangen hat. Meine Oma bügelte die Wäsche für eine mit ihrem Alltag stark herausgeforderte Familie aus der Gemeinde. Die Kinder einer Familie waren für eine Zeit lang täglich bei uns, als die Mutter an einer Depression litt. Von unzähligen Baueinsätzen, überraschenden anonymen Geldgeschenken, Umzugshilfen und seelsorgerlichen Gesprächen gar nicht zu sprechen. All das gibt es immer noch. Gemeinden sind für viele ein echter Rückhalt in der Not und waren es von Anfang an. In der Apostelgeschichte lesen wir über die Witwenversorgung durch die junge Gemeinde in Jerusalem. Ganz praktische Hilfe für Familien, vor allem für diejenigen in besonders herausfordernden Lebenssituationen.

Allerdings wirkt es oft so, dass man wirklich in Not sein muss, um Hilfe zu bekommen. Das zuzugeben fällt nicht leicht, Hilfe anzunehmen deshalb auch nicht. Und viele Familien wünschen sich ein Dorf, das nicht nur in der größten Not da ist.

Erwartung, dass die Singles doch helfen könnten, dass das für sie doch auch gut wäre. Es gibt es da die Erwartungen an insbesondere rüstige Seniorinnen und Senioren, dass sie unterstützen sollen und

An der Stelle mischen sich unterschiedliche Perspektiven und gilt für viele Seniorinnen und Senioren und Singles dasselbe wie auch für Familien. Es ist unsichtbar, was ihre Familien- und Lebensrealität tatsächlich ausmacht. Auch sie ziehen sich zurück in das Private, weil das Teil unserer Kultur ist (und das oft lausige Wetter hat daran sicher einen Anteil.)

Vorbilder

Während die älteren Generationen den Einfluss von Erziehung höher einschätzen als den Einfluss von Sozialisation und mehr Grenzen für Kinder fordern, sehen Eltern heute den Einfluss der Sozialisation als wesentlich größer an und fragen sich, wo Vorbilder für ihre Kinder sind.

Das ist der zweite Aspekt, weshalb Familien sich nach Dörfern sehnen und fragen, inwiefern Gemeindendörfer für ihre Familie sein können. Gleichzeitig sind sie überzeugt, dass 1:1 Exklusivzeit ihren Kindern vermittelt, wie sehr sie sie lieben. Das ist Ausdruck der hoch individualisierten Perspektive auf Kinder, die heute typisch ist.

Wenn wir von Vorbildern sprechen, denken wir oft an gezielt ausgewählte Persönlichkeiten, denen wir nacheifern wollen. Doch aus pädagogischer Perspektive wirken Menschen ganz unbewusst als Vorbilder. Wenn Kinder wenig Gelegenheit haben, Erwachsene in ihrem Alltag zu beobachten und sich daran zu beteiligen, fehlt ihnen Wesentliches, um in die Normen einer Gesellschaft eingeführt zu werden. Das gilt auch für die Glaubenspraxis. Erleben Kinder Glauben unter der Woche nur bei den Eltern und am Sonntag auch bei anderen Erwachsenen, wird er zu etwas Außergewöhnlichem – etwas, das außerhalb der Gewohnheiten des Alltags stattfindet.

Die Ansprüche daran, wie mit Kindern umgegangen wird, sind in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass immer wieder Fälle von Missbrauch in den Kirchen aufgedeckt wurden, kann man sich schon fragen: Wollen wir also wirklich, dass Gemeinden Dörfer für Familien sind?

Und während Familien also einerseits verzweifelt Hilfe und Unterstützung suchen und sich wünschen, sind sie auf der anderen Seite skeptisch und vorsichtig bei der Frage, wer ihnen helfen darf und wie.

Auf der anderen Seite sind die anderen Menschen in anderen Generationen und Lebenssituationen, die sehr gerne helfen möchten, die Teil des Lebens der Familien sein wollen, die aber so manche Priorität und Handlungsweise im Familienleben nicht verstehen – und im schlechtesten Fall verurteilen. Um sich dann darüber zu wundern, dass sie dafür abgelehnt werden.

nicht leistbar

Ganz oft liegt das auch daran, dass Großfamilienmitglieder gut versorgt sind und dann kein Blick und keine Kapazitäten mehr da sind, um auch andere zu beachten und sie zu unterstützen und zu entlasten. Man beobachtet vielleicht in der Gemeinde, wie alteingesessene Familien sich gegenseitig unterstützen. Da bekommt man schnell den Eindruck, dass Gemeinde doch nur für die da ist, die auch zur Familie gehören. Wer sollte das auch leisten für alle anderen? Dass die Gemeinde alle Familien in ihrem Alltag unterstützt, kann gar nicht funktionieren. Das sagt auch die Erfahrung, denn in wahrscheinlich jeder Gemeinde gab es bereits einmal die Idee eines Systems für Patenschaften zwischen Familien und kinderlosen Paaren, Singles oder Seniorinnen und Senioren. Eine Idee, die vielleicht für Einzelne zu einer wertvollen Beziehung geführt hat, die sich aber nicht als System im großen Stil verwirklichen ließ. In manchen Gemeinden scheiterte das schon daran, dass Familien zwar darüber klagten, keine Unterstützung zu haben, sich aber nicht meldeten, als es um eine Patenschaft ging.

Professionalisierung der Beziehung zu Kindern. Sowohl die Programme innerhalb von Gemeinden, die für Kinder und Jugendliche gemacht werden, als auch der Umgang von Eltern mit ihren Kindern wird immer professioneller. Das bedeutet auch, dass Unterstützung durch eine Gemeinde als Dorf für die Familie Von der Frage getragen wird, wie gut kann denn jemand mit Kindern umgehen und folgt er oder sie dabei den Maßstäben, die aus allem, was ich mir angelesen habe als Elternteil, gute Maßstäbe sind, gute Umgangsweisen mit Kindern.

Doch nicht nur die Familien sind skeptisch. Von anderer Seite kommt die Mahnung, dass man in Gemeinde nicht immer nur die Familien sehen dürfe, alle anderen würden dann hinten runter fallen. Doch auch die Menschen aus anderen Generationen und Lebenssituationen brauchen ein Dorf. Sei es aufgrund praktischer Unterstützung, sei es wegen dem Bedürfnis nach Gesellschaft.

Doch nicht für jede Familie, nicht für jeden Menschen klingt dieser Slogan von Gemeinden als Dörfern für Familien erstrebenswert.

„gesellschaftlich gesehen kommen wir von diesem Zusammenhang zwischen Gemeinschaft und der Forderung nach Unterordnung. Wenn von Gemeinde als Familie gesprochen wird, weckt das deshalb manchmal Gefühle von Vereinnahmung und lässt an unwidersprochene Autoritäten denken.“ (FamGem 2025, S.???)

Und darin liegt für mich auch der Knackpunkt, warum ich über Gemeinden als Dörfer für Familien spreche und zu diesem Thema arbeite: Wir müssen mit idealisierten Vorstellungen von Familie, Gemeinde und auch dem Dorf aufräumen, damit Gemeinden nicht nur Dörfer für diejenigen sind, die sowieso privilegiert sind, sondern auch für weniger privilegierte Menschen, damit Familien durch Gemeinden praktisch und theologisch entlastet und ermutigt werden und damit Gemeinden von Familien ganz neu Gemeinschaft lernen können.

Ko-Präsenz ist der Dorf-Faktor

Dorfbeziehungen leben nicht von gemeinsamen Interessen, sondern davon, dass man Zeit und Raum teilt.

Für die Sicherheit von Beziehungen sind exklusive 1:1-Zeiten weniger bedeutsam als zweckfreie Begegnungen im Alltag, das Teilen von Zeit und Raum.

Entlastung ist die Wirkung des Dorfes, nicht das Ziel. Sie entsteht durch Ko-Präsenz, also durch die gleichzeitige Anwesenheit an einem Ort. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Doch Ko-Präsenz bedeutet immer auch: Sehen und gesehen werden! Beobachtet werden. Damit auch: Beurteilungen ausgesetzt zu sein. Gruppe ohne Beobachtung, ohne Bewertung, funktioniert nicht. Das ist nicht nur gut so, sondern auch der eigentliche Kern des Sprichworts: Es beschreibt nämlich das Mitspracherecht des Dorfes bei der Erziehung eines Kindes!

Wir müssen wieder üben, Kindern und anderen Erwachsenen zuzutrauen und zuzumuten, ihre Begegnungen selbst zu bewältigen.

Gemeinden als Dörfer

Gerade im christlichen Kontext wird immer wieder der Ruf nach Grenzen laut. Kindzentrierung und Bedürfnisorientierung scheinen dem kindlichen Egoismus Vorschub zu leisten. Und das ist nicht nur ein pädagogisches, sondern auch ein theologisches Thema. Es steht vielleicht sogar im Kern der Frage, ob und wie Gemeinden Dörfer für Familien sind und sein können: das Menschenbild.

Eltern, die selbst in christlichen Gemeinden aufgewachsen sind, haben dort oft eine Theologie kennengelernt, nach der Kinder von Jugend an böse sind und ständig in der Gefahr stehen, egozentrisch zu sein statt altruistisch. Deshalb brauchen sie Grenzen, die ihnen helfen, zwischen gut und Böse zu unterscheiden. Ein häufiger Vorwurf gegenüber Eltern lautet daher auch, dass sie ihren Kindern zu wenig Grenzen setzen würden. Die Annahme dahinter ist, dass Kinder durch von Erwachsenen gesetzte Grenzen lernen müssen, ihrer sündigen Natur zu widerstehen. Im Gegensatz dazu orientieren viele Eltern heute sich an den Bedürfnissen des Kindes und an dem, was die Bindung zum Kind stärkt. Sie deuten scheinbar egoistisches Verhalten jedoch als entwicklungsabhängig egozentrisch. Der breite Zugang zu Wissen und Forschung hat zu einer Psychologisierung und Pädagogisierung von Kindheit geführt. Wenn diese Erkenntnisse keinen Eingang in gemeindliche Konzepte gefunden haben und alte Überzeugungen (wie die zum Grenzen setzen und „auch mal schreien lassen“) überwiegen, sind Eltern skeptisch.

Wird diese Perspektive auf Kinder kritisiert, heißt es vielleicht, wir sind alle Sünder und müssen lernen, wir sind alle Sünder. Und das klingt dann, als müssten wir alle lernen, unsere Sünde im Zaum zu halten. Alles, was egoistisch wirkt, bekommt dann latent den Stempel Sünde. Vor dem Hintergrund dieser Theologie wirkt auch der Rückzug von Familien ins Private, der Rückzug aus der Mitarbeit in der Gemeinde, als Unverbindlichkeit wie etwas, was dem Willen Gottes widerspricht, wie Sünde.

Der fehlende Einblick in das, was Familienleben heute bedeutet, führt dazu, dass Familien oft ein Unverständnis begegnet, warum sie sich nicht ehrenamtlich engagieren. Gerade für Frauen kommt hinzu, dass sie emanzipiert wirken und wenn sie dann Ehrenamtliche auch Leitungsaufgaben in der Gemeinde ablehnen, ihnen das als Person zugeschrieben wird und die Zusammenhänge mit Mental Load und Care-Arbeit nicht wahrgenommen werden und wie hoch die Ansprüche insbesondere an Frauen sind.

Gemeinden ermöglichen das: in gewisser Weise zweckfreie Begegnungen. Für Gemeinden und auch andere Gemeinschaften, die in der Not Dörfer werden können, braucht es nicht mehr als ein paar lose Beziehungen. Sie bilden das Netzwerk, das trägt.

Es gibt sie, die Gemeinden, die Auffangnetze für Familien sind. Wahrscheinlich gibt es sie gar nicht mal so wenig. Gemeinden, in denen Familien Hilfe und Unterstützung erfahren. Allerdings passiert das vor allem bei den großen Herausforderungen im Leben: Krankheit. Konflikte. Geldnot. Oder bei besonderen Ereignissen und Übergängen: Geburten, Umzüge, Hochzeiten und Todesfälle.

Die Rede von Gemeinden als Dörfern für Familien verleiht der Hoffnung Ausdruck, dass es auch im Alltag regelmäßige und unkomplizierte Hilfe und Unterstützung geben könnte. Bevor wirklich gar nichts mehr geht.

Ich bin mir sicher: Das gibt es. Vermutlich allerdings vorrangig zwischen Familienmitgliedern. Und auch das ergibt Sinn. Denn die Verantwortung für Privates teilt man privat – in der Erwartung von Gegenseitigkeit.

Gemeinde ist zwar für viele so etwas wie eine Wahl-, Zweit- oder Ersatzfamilie, aber sie ist auch mit Ansprüchen an Mitarbeit und Dienst an anderen verbunden. In Gemeinden ist man vor allem gebende Person.

Gemeinde als Dorf zu beschreiben, bedient die Illusion von Austauschbeziehungen ohne emotionale Verpflichtung.

Da zu sein für andere gehört für viele Gemeinden zur Kernidentität. Es war eins der ersten Kennzeichen christlicher Gemeinden, dass sie einander halfen und unterstützten, dass sie die Not der Bedürftigen linderten. Der Streit in der Witwenversorgung in Apostelgeschichte ? ist ein beredtes Beispiel dafür, dass Familien in Not von Anfang an auf die christliche Gemeinschaft zählen konnten.

Scham und das Evangelium

Was währenddessen auf beiden Seiten wächst, ist Scham. Die Scham darüber, den eigenen Alltag als Überforderung zu empfinden, während er doch eigentlich schaffbar sein sollte. Und auf der anderen Seite die Scham, für die eigenen – als christlich fundiert wahrgenommenen Überzeugungen – abgelehnt zu werden.

Scham, die aus dem Risiko resultiert, bei einer falschen Aussage und Handlung möglicherweise ausgeschlossen zu werden aus dem Leben der eigenen Enkel.

Beides macht es so schwierig, dass Gemeinden wirklich Dörfer für Familien werden, die nicht nur in der Not, sondern auch im Alltag unterstützen.

Beschämung. Wie anders lautet die Perspektive, wir alle leben aus der Gnade. Gemeinden könnten der Verfügung von Medien sein, in denen Versöhnung und Gnade im Mittelpunkt steht. Nicht das Urteil, das vernichtet, sondern Gottes Reaktion, die in den Kreis der Gemeinschaften aufnimmt, die stärkt und ermutigt, die befähigt. die auch befähigt, Schwäche zuzugeben, Not zuzugeben, Hilfe anzunehmen und Hilfe zu geben, ohne dabei überheblich zu sein, ohne es besser zu wissen. Gnade, die den Umgang mit Grenzen lehrt. Entsprechend Jesu Worten kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Loch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Wo begegnen wir Jesus? in der Gemeinde, in der Gemeinschaft der Gläubigen, in unseren Brüdern und Schwestern. Was ihr getan habt, eine meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan, sagt Jesus. Und ich denke, das gilt sowohl für jede Verurteilung und jeden Vorwurf, als auch für jede Hilfe und Unterstützung.

How to: Als Familie Dorfgemeinschaft mit der Gemeinde leben

  1. wichtigsten und größten Ansatzpunkt für eine Lösung den Respekt davor, dass jeder Mensch seine eigene Lebenssituation und Lebensphase und Lebensrealität hat. Jeder Mensch und jede Familie. Und dass man nicht von sich auf andere schließen kann, eigentlich eine Binsenweisheit, die aber gerade, wenn es das Thema Familie angeht, erneut relevant wird. Nicht nur ist die aktuelle Lebenssituation jeder Person einzigartig, sondern auch die Lebensverläufe sind immer individueller geworden und zum großen Teil auch unsichtbar. Welche Erfahrungen jemand mit Familie gemacht hat und mit Gemeinde, kann ich nur über Gespräch erfahren. Welche Haltung jemand zu Erziehung hat, kann ich nur über Gespräch erfahren.
  2. Lebe Beziehungen, statt Dienstleistungen anzufragen.

Viele Familien denken wahrscheinlich irgendwann einmal darüber nach, ob es nicht in der Gemeinde jemanden gibt, den oder die sie zum babysitten anfragen können. Die drei wichtigsten Fragen dabei sind: Wer hat Zeit dafür? Wer kann gut mit Kindern? Und: Was können wir uns leisten? Dahinter steckt das Mindset: Babysitten ist ein Job, eine Dienstleistung, bei der Zeit gegen Geld vergütet wird und für die eine gewisse Fähigkeit nötig ist. Das ist richtig und drückt Wertschätzung gegenüber der Care-Arbeit des Babysittens aus. Gleichzeitig verhindert diese Perspektive,

  1. Der Blick auf und die Haltung gegenüber Kindern, der Umgang mit ihnen sind entscheidend dafür, ob Gemeinden Dörfer für Familien sind oder sein können. Gemeinden als Dörfer für Familien bedeutet, dass in Gemeinden die Menschlichkeit Zeit und Raum bekommt. Denn in zu vielen Gemeinden ist eine Form des Erwachsen-Seins zum Maßstab geworden, die nicht Reife, sondern Fassade ist. Wo Kinder keinen Raum bekommen, fehlt den Erwachsenen Reife.
  2. Gespräch ist deshalb eines der zentralen Themen, das es braucht, um damit Gemeinden Dörfer für Familien sein können, damit der Mut entsteht, einander Dorf zu sein und eben einander Dorf zu sein. Denn es geht nicht um Dienstleistungen, die Menschen in anderen Lebenssituationen für Familien leisten sollen, babysitten, einkaufen, was auch immer, sondern es geht um Beziehung und damit letztendlich um Vertrauen und darum, miteinander die Lasten zu tragen und das, was das Leben ausmacht, zu teilen. Es geht um Kopräsenz und Begegnung statt um Anfragen, kannst du das für mich tun? Es ist nicht nur bindungstheoretisch logisch.
  3. Miteinander im Gespräch zu sein, bedeutet aber auch, ein Mitspracherecht zu haben. Und damit nähern wir uns tatsächlich dem an, was mit dem Sprichwort vom Dorf eigentlich gemeint ist. 
  4. Damit es Zeit gibt für Beziehungen, brauchen wir eine Reduzierung der Programmorientierung in unseren Gemeinden. Programme müssen mehr darauf ausgerichtet sein, Beziehung zu ermöglichen und weniger darauf, Wissen zu vermitteln. Wissensvermittlung bleibt ein wichtiger und wesentlicher Teil, doch ist die Frage, welche Formate dafür geeignet sind und was wo geschehen soll, damit nicht Kinder und Jugendliche immer wieder sagen, diese Geschichte kenne ich schon und nicht mehr zuhören, sondern damit Glaube als Jüngerschaft in alltäglichen gemeinsamen Erfahrungen verwurzelt ist.
  5. Und dann geht es darum, konkret und kleinteilig zu fragen und anzubieten. Keine Angst davor, sondern mutig zu sagen, das wäre das, was mir helfen würde. Und wenn es nur eine halbe Stunde das schlafende Kind betreuen ist, während die Mutter oder der Vater das andere Kind von der Kita holt. zum Kaffee einladen oder zu einer Wanderung, zum Spielenachmittag oder irgendetwas anderem, was man gemeinsam erleben kann, was Beziehung stärkt, ist deshalb für mich der Anfang, am Bestehenden anzuknüpfen und nicht etwas zu organisieren. Höchstens Begegnung und Beziehung.

Und je nachdem, in welcher Situation man selber ist, geht es darum,

– das eigene Netzwerk mehr mit anderen zu teilen, aufmerksam zu sein für die, die kein Netzwerk vor Ort haben und zu überlegen, wie kann man sie mit einbeziehen.

– Wenn du kein Netzwerk vor Ort hast, geht es darum, offen zu werden.

– Und wenn du eine Person bist, die andere unterstützt, geht es darum, respektvoll und mit offenen Augen zuzuhören, bevor du anbietest.

die größere Perspektive: Das Miteinander in der Gemeinde von Familie her neu denken

Und damit meine ich nicht Kernfamilien, meine ich nicht die oft auch als Vorwurf geäußerte Meinung, Gemeinden würden sich nur um Familien drehen oder vorrangig um Familien drehen. Denn das stimmt nur an der Oberfläche. Ich meine damit Gemeinde von Familien, Beziehungen her neu zu denken, von Gemeinde als Großfamilie, von Zusammengehörigkeit, Zugehörigkeit und damit auch gemeinsamer Verantwortung. Füreinander und miteinander. Für das Gemeinsame.

Das bedeutet dann auch, Respekt zu haben vor der Entwicklung, die jeder und jede Einzelne geht und macht. Das bedeutet, gemeinsam zu lernen, sich auszutauschen und einen dazu zu gestehen, dass Meinungen, die man früher geäußert hat, sich heute geändert haben könnten. Es geht mir um eine radikale Orientierung an der Beziehungshaftigkeit von Menschen und dass Familie der Anknüpfungspunkt für das Evangelium ist. In der Bibel zum Beispiel auch bei Weihnachten, bei der Hochzeit, bei gemeinsamen Essen. Aber sie ist mitnichten das Ende. Es geht mir um den Dienst an Menschen, die sich nach Familie sehnen, die unter Angst, Schuld und Scham leiden und die die gute Botschaft hören sollen. So sehr in der Gemeinde, die Kinder, Jugendlichen, Eltern, wie auch außerhalb der Gemeinde. Und es geht dabei darum, dass Jesu Verkündigung vom Evangelium viel und immer wieder in familiären Kontexten stattfindet. Sie ist genauso sehr predigt mit Worten wie mit Taten. Beispiel Zacchaeus.

Der Slogan Gemeinden als Dörfer für Familien ist für mich deshalb eine Reichgottesperspektive. Es geht um unaufgeregte, unaufdringliche Präsenz gegenseitig im Alltag. Präsenz, die einen Unterschied macht. Nicht, weil wir so viel besser wären im Umgang miteinander, sondern weil wir uns dabei selbst anbieten, in all unserer Menschlichkeit und Fehlerhaftigkeit und in der Bereitschaft von Vergebung und Versöhnung zu leben. Denn darum geht es am Ende bei Dörfern und insbesondere bei Gemeinden als Dörfern für Familien, um das Miteinander aushalten. Auch Konflikte, die wir erwarten können und durch die wir hindurchgehen, statt dafür zu beschämen einander und selbst, wenn es konflikthaft wird. Das Evangelium bedeutet nicht friedevoller Eierkuchen, sondern Vergebung und Versöhnung mitten im Konflikt. Und es wird schwerer, bevor es leichter wird. Und es bleibt das ganz normale, komplizierte Leben, in dem wir aneinander schuldig werden, in dem wir mit Angst und Scham konfrontiert sind. Aber das, was Gemeinden als Dörfer für Familien ganz besonders ausmacht, ist eben diese Bereitschaft, diese Möglichkeit, Vergebung und Versöhnung zu leben. Wir könnten wissen, wie das geht. Glauben wir.

  • es gibt Leute, für die es ein Segen ist, mit Kindern in Beziehung sein zu können – und lange nicht so anstrengend, wie Eltern ihre Kinder wahrnehmen
  • was haben ältere Generationen erlebt an Unterstützung – und was können sie jetzt tun?
  • fragen!
  • Dorf heißt auch: mit den Eltern spazieren zu gehen, nicht nur Kinder zu sitten

Ich muss an die Geschichte vom Kind mit Epilepsie denken. Der Vater kommt mit seinem Kind an den Ort, wo er Jesus erwartet. Die Hilfe, die von Jesus ausgeht, ist es, die ihn anzieht. Aber er ist nicht auf Jesus fokussiert. Er geht davon aus, dass er von irgendjemandem in dieser besonderen Gemeinschaft Hilfe bekommen wird. Die Jünger versuchen, den bösen Geist auszutreiben. Sie schaffen es nicht. Aber nicht, weil sie nicht Jesus sind – sondern weil sie aus eigener Kraft versuchen, zu heilen. Als Jesus vom Berg aus der Gemeinschaft mit Gott – und mit Mose und Elia! – wieder herunterkommt, sagt er: „Diese Art kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden.“ Meaning: Das braucht Zeit!

Um Jesus herum entsteht so etwas wie ein Dorf, eine Gemeinschaft an Menschen, die füreinander sorgen. In der Apostelgeschichte lesen wir von den Anfängen der ersten Gemeinde in Jerusalem: Sie verkaufen, was sie haben, um es zu ihrer gemeinsamen Versorgung zu benutzen. Sie sind hoch motiviert. Versorgen Witwen aus verschiedenen Kulturkreisen. Verbringen Zeit miteinander. So, wie sie es in den letzten 3 Jahren zusammen mit Jesus gewohnt waren. Der Vibe ist derselbe. Christus ist in ihrer Mitte – nur jetzt unsichtbar. In ihren Herzen brennt sein Feuer. Es führt sie in die Gemeinschaft miteinander, in den Dienst aneinander, in die Liebe zu denen um sie herum.

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