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Eierlegende Wollmilchsau: nicht Alleskönnerin, sondern Alles-Können-Müsserin

5–8 Minuten

Als ich den Aprilscherz über das Aussterben der Eierlegenden Wollmilchsau veröffentlicht habe, wollte ich vor allem den oft beklagten Mangel an Mitarbeitenden in Gemeinden auf die Schippe nehmen. Aber im weiteren Nachdenken habe ich festgestellt, dass die Rede von der Eierlegenden Wollmilchsau noch etwas anderes versteckt – etwas, das mich ganz schön wütend macht. Und – Überraschung oder nicht – es hat mit Familienbildern zu tun… Ich sage Dir: Es ist wirklich höchste Zeit für Veränderung!

Wir erwarten keine Eierlegende Wollmilchsau…

In Gemeinden kommt die Eierlegende Wollmilchsau oft beim Schreiben von Stellenangeboten auf den Tisch. Erst werden angeregt mögliche Eigenschaften und Aufgaben von Bewerber:innen gesammelt, bis sich plötzlich die – berechtigte! – Sorge einstellt: Potentielle Bewerber könnten von der Vielfalt an Aufgaben und Anforderungen erschlagen werden. Dann sagt irgendjemand mahnend: „Wir suchen doch keine eierlegende Wollmilchsau!“

… aber es wäre schön, wenn Du eine bist (oder mitbringst!)

Einerseits will keiner ein Burnout der Hauptamtlichen riskieren, aber andererseits bleibt die Hoffnung:

„Vielleicht findet sich ja dieser jemand, der oder die überdurchschnittlich fähig und belastbar genug ist, um – nein, natürlich nicht ALLE!, aber vielleicht … die meisten … der Aufgaben zu übernehmen?

Leise klingt zwischen diesen Zeilen: Alleine konnte Mann diesen Job noch nie bewältigen.

„Zusammen eine volle Stelle oder vielleicht ein bisschen mehr? Ehrenamtliche Mitarbeitende finden wir ja NOCH schwieriger!“, wird dann ergänzt.

Die Frauen sind verantwortlich!

Und plötzlich dreht sich die Diskussion in eine inzwischen nicht mehr überraschende Richtung: Die Klage über die Veränderungen im Familienleben. Genauer gesagt: Darüber, dass „ja heute ganz viele Mütter arbeiten“. Sie sind also offensichtlich die „Mitarbeiter“, die „fehlen“. Ihr arbeiten „gehen“ verändert die ganze Gemeindearbeit.

Turns out: Eierlegende Wollmilchsäue sterben nicht aus. Sie brennen aus und versuchen, es zu vermeiden. Viele sorgende Frauen und auch Theolog:innen und Gemeindepädagog:innen haben deshalb ihren Wirkungskreis verändert – und das bekommen Gemeinden zu spüren.

Eine größere Gruppe Frauen läuft in mehren kleinen Grüppchen oder einzeln in dieselbe Richtung
Eine größere Gruppe Frauen läuft in mehren kleinen Grüppchen oder einzeln in dieselbe Richtung

Aus der Not heraus wurde frau…

Dabei sind Mütter und Frauen trotzdem meist diejenigen, die in der Gemeinde am meisten mitarbeiten. Weil sie für die Kinder, Beziehungen und sich selbst zuständig sind, müssen sie auch in der Gemeinde selbst das Angebot für Kinder und sich selbst stemmen. Zu oft haben sie in Familie und Gemeinde schon erlebt: Sie sind die last woman standing und müssen dann für eine Lösung sorgen. Aus der Not heraus haben diese Care-Arbeiter:innen deshalb alles gelernt, was sie für ihre vielfältige Verantwortung brauchen.

Frag Mütter, was sie sich schon alles angeeignet haben, seit ihre Kinder auf der Welt sind! Und ja: Frag auch Hauptamtliche in vor allem kleinen christlichen Gemeinden, was sie alles zusätzlich zu Theologie in ihrem Alltag brauchen und sich deshalb „draufgeschafft“ haben. Das und nicht ihre Natur macht sie zu Eierlegenden Wollmilch-Säuen!

… eine Eierlegende Wollmilchsau

Das klingt nicht wie ein Kompliment und es ist auch keins. Vielleicht ist die Eierlegende Wollmilchsau nämlich gar nicht so sehr eine Alleskönnerin, sondern eine Alles-Können-Müsserin. Und unabhängig davon, dass es Generalist:innen gibt, die vieles oder scheinbar alles können: Keines von Gottes Geschöpfen ist als Eierlegende Wollmilchsau zur Welt gekommen. Es war schlicht nie der Plan, dass Einzelne eine Gemeinschaft tragen und allein dafür sorgen müssen, dass sie erhalten bleibt.

Care heißt Selbstaufgabe

Beim Aprilscherz hatte ich das Wort „sorgen“ vor allem genutzt, weil es so ein schönes Stilmittel der Wiederholung war: Sie sorgen für Nachwuchs, sorgen für Wärme und Gemeinschaft, versorgen mit Nahrhaftem. Aber jetzt springt mich das Wort „sorgen“ wie ein Ausrufungszeichen an. Und plötzlich sehe ich auch, dass nur manchmal vom Wollmilchschwein die Rede ist und meistens von der Sau. Ich realisiere:

  • Die Eierlegende Wollmilchsau ist weiblich.
  • Sie ist eine Care-Arbeiterin.
  • Und was sie deshalb vor allem auszeichnet, ist nicht ihr Alles-Können, sondern dass sie sich für andere aufgibt.

Und ich glaube, das ist der Grund, warum trotz vieler Menschen im Ehrenamt scheinbar Mitarbeiter fehlen: Weil in Gemeinden die Care-Arbeiter:innen weniger werden, die existentiell und bis zur Selbstaufgabe Verantwortung übernehmen. Das liegt nicht an Egoismus oder daran, dass keine dazu bereit ist, sondern tatsächlich an den Veränderungen im Familienleben – aber anders als gedacht!

Ein Haufen Schlüssel liegt wild durcheinander – ein Symbol für die vielen Verantwortlichkeiten von Care-Arbeit

6 Gründe aus dem Familienleben, die Mitarbeit verändert haben

Denn während wir einerseits Familie als Wert in den Himmel loben, wird die Care-Arbeit in der Familie zur Konkurrenz für die Care-Arbeit in der Gemeinde. Sechs gesellschaftliche Themen lasten schwer auf Care-Arbeiter:innen in Familie und Gemeinde:

  1. Spezialisierung. Sie sollen Einzelne mit ihren individuellen Fähigkeiten fördern und müssen selbst das Ganze zusammenhalten – auch in der Gemeinde unter dem Stichwort Gabenorientierung!
  2. Work-Life-Balance. Sie müssen das „eigentliche, echte Leben“ der Beziehungen zuhause so am Laufen halten, dass es andere nicht überfordert, sondern Erholung von der Arbeit und der Last der Welt ist.
  3. Individuelle Grenzen. Dass sie andere zur Abgrenzung ermutigt haben, erweist sich als ein Eigentor: Weil sie so viel ausgehalten und ertragen haben, sind viele andere gut darin geworden sind, Nein zu sagen – und die Care-Arbeiter:innen tragen noch mehr.
  4. Funktionales Alltags-Management. Die immer vielfältigeren Anforderungen machen ihnen Druck zu Funktionieren: Es hängt alles an ihnen. Das lässt sich nur mit viel Struktur und Orga bewältigen, die ihre Kreativität und Entwicklung einengen.
  5. Paradoxe Entmutigung. Die gut gemeinten Aufforderungen zu mehr Selfcare sind allgegenwärtig, verschärfen aber nur das schlechte Gewissen und vergrößern die Kluft zwischen Care-Arbeiter:innen und ihren „Helfern“: weil die einen sich für Selfcare zurückziehen (können) und nicht begreifen, warum die anderen das nicht können und nicht tun.
  6. Care-Debatte. Das Bewusstsein über die mentale und emotionale Last der Care-Tätigkeiten wächst – aber gleichzeitig auch die Erkenntnis: Umfassende Care lässt sich nicht durch Zeit und Geld aufwiegen. Und der Versuch Verantwortung zu teilen, vergrößert die Last für Care-Arbeiter:innen oft erst mal, statt sie zu verringern.

Das Problem: Wir tauschen die Rollen, aber teilen nicht die Verantwortung!

Weil immer mehr Männer auch Care-Aufgaben übernehmen, scheint das Problem auch schon fast gelöst oder zumindest eine Erleichterung in Aussicht. Doch dieser Eindruck täuscht. Wirkliche Entlastung und nachhaltige Veränderung würde bedeuten, dass jemand anders die existentielle Verantwortung mitträgt – und nicht nur zeitlich begrenzt bestimmte Tätigkeiten übernimmt. Sonst bleibt es nämlich so, dass es für Care-Arbeiter:innen (egal welchen Geschlechts) kein Back-up, keine Rückfall-Ebene, kein Sicherheitsnetz gibt. Aber es hilft ja nichts und so machen Care-Arbeiter:innen so lange weiter, wie sie können, weil alles an ihnen hängt. Sie sind am Ende allein gelassen.

Ein Knäuel verworrene Wolle – symbolisch für die Überforderung und die Unmöglichkeit von Selbstfürsorge

Die Überforderung schreit leise

Und das bedeutet: Trotz aller Bemühungen bleibt Care-Arbeiter:innen die tatsächliche Möglichkeit für Selbstfürsorge und Selbstverwirklichung verschlossen. Schlimmer noch: Sie werden dazu aufgefordert und wenn sie auf die Unmöglichkeit aufmerksam machen, gelten sie als undankbar. Ich glaube: Weil zu viele Menschen nicht existentiell verantwortlich care-arbeiten (müssen), können sie sich das Maß der Belastung nicht vorstellen. Darüber aufzuklären, kostet die belasteten Care-Arbeiter:innen noch mehr Körner.

Wenn wir wirkliche Entlastung schaffen wollen, müssen wir ganz neu denken. Wir brauchen wirklich einen Systemwechsel – und zwar zuerst in unseren Köpfen. Den Schlüssel, um von Verantwortung als Selbstaufgabe zu Verantwortung als dynamische Versorgung zu kommen, können wir – ja, tatsächlich! – von unseren Vorfahren lernen.

Er heißt: Gemeinsame Vorratshaltung – und hier kannst Du lesen, was das im Zusammenhang mit der Care-Arbeit im Familienleben heißt!

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