Wir haben da eine wichtige Sache vergessen, als wir die Veröffentlichung der Epstein Files diskutiert und gefordert haben.
Ja, ich sage „wir“, denn wie viele andere habe ich dieses Thema aufmerksam verfolgt und diejenigen unterstützt, die die Veröffentlichung forderten. Auch ich habe diese eine wichtige Sache vergessen. Ich, die Seminare und Schulungen zum Thema Kinderschutz hält. Dass Menschen mit großer Awareness für das Thema diese eine Sache vergessen können, zeigt, wie ungewohnt sie ist – und wie schnell man sich dabei verschätzt, welche Wirkung eine Maßnahme im Umgang mit sexualisierter Gewalt haben wird.
Was wir vergessen haben? Den Grundsatz „Schutz von Betroffenen und Schutzlosen statt Täterschutz!“
Justice for survivors
Heute ist der 17. Februar 2026 und Betroffene – oder wie sie sich selbst nennen: „Überlebende“! – sexualisierter Gewalt veranstalten eine Demo in Berlin unter der Überschrift „Justice for Survivors“. Hört den Stimmen der Betroffenen zu!
Es ist wichtig, ihre Stimme zu hören und sie gleichzeitig nicht damit allein zu lassen, ihre Stimme zu erheben. Wir müssen gemeinsam laut werden!
Ungeschützt im Internet
Eine Veröffentlichung der Epstein-Files konnte nicht ohne die Öffentlichkeit des Internet funktionieren. Logisch. Sie war ja auch das Ziel.
Aber ihr Effekt ist:
Fehlender Schutz der Kinder, die in den Files als Betroffene sichtbar werden.
Und: Fehlender Schutz der Kinder, die jetzt in den Sozialen Medien mit den Taten konfrontiert werden. Denn da sind die Kinder und Jugendlichen, die durch Screenshots und Beiträge zu den veröffentlichten Epstein Files vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben von sexualisierter Gewalt gegen Kinder lesen und verstörende Bilder sehen. Die sich der Präsenz der Epstein Files nicht entziehen können, weil wieder einmal die Zone geflooded wird. Mit zu viel Sch***, als ein Mensch verarbeiten kann.
Statt dass die Veröffentlichung also für zukünftigen Schutz sorgt, fügt sie Schutzlosen unnötigen (weiteren) Schmerz, Angst und Verletzungen zu. Auch den anderen Betroffenen weltweit, die aktuell unter anderen Tätern leiden und sehen, wie die Täter der Epstein Files ungeschoren davonkommen.
Selbst ich als Erwachsene hätte mir mehr Schutz gewünscht. Ich hätte so manches, was ich gesehen und gelesen habe, lieber nicht gesehen und gelesen. Nicht, um mich in meine schöne Welt zurückzuziehen oder weil ich überrascht worden wäre, zu was Menschen in der Lage sind. Es entsetzt mich, es dreht mir den Magen um, aber nicht erst seit diesen Veröffentlichungen.
Ich habe Videos vom 7. Oktober gesehen. Ich habe Nachrichten aus dem Sudan und Iran gesehen. Ich habe den Film Last King of Scotland gesehen. Ich habe in Ruanda gelebt. Ich habe „Die Tore der Welt“ gelesen. Bücher über versklavte Menschen in Amerika. Und die Bibel. Honestly. Sie spricht ungeschönt von sexualisierter Gewalt. Nicht nur durch Mächtige!
Ich habe im Kinderschutz gearbeitet und mich mit der Prävention sexualisierter Gewalt beschäftigt. Ich weiß zu viel von dem, zu was Menschen in der Lage sind. Mein Wunsch nach Schutz ist kein Augen-Verschließen. Und ich glaube auch nicht, dass Augen-Verschließen und Social Media Verbieten die Lösungen sind, um Kinder zu schützen.
Schutz bedeutet, für Gerechtigkeit zu sorgen
Ja, ich wäre gerne geschützt worden, weil es mir nicht gut tut, noch mehr von all den Furchtbarkeiten der Menschlichkeit zu lesen. Aber vor allem hätte ich mir gewünscht, die Files wären nicht veröffentlicht worden, weil es für die Sache eigentlich unnötig war, dass so viele von uns diese Details lesen. Die Veröffentlichung der Epstein Files nicht das war, worum es eigentlich ging, auch wenn das immer wieder und laut gefordert wurde. Aber dabei ging es doch eigentlich nie darum, dass die Taten sichtbar werden – sondern um Gerechtigkeit für die Betroffenen!
Wer für die Veröffentlichung kämpfte, stand auf der Seite der Betroffenen. Ihnen sollte Gerechtigkeit widerfahren! Ihnen sollte endlich geglaubt werden – und die Täter sollten endlich zur Rechenschaft gezogen werden! Die Veröffentlichung sollte den Druck erhöhen, dass die Verantwortlichen sich dem stellen, was – offensichtlich! – schon lange und ausführlich dokumentiert ist. Es ging darum, die Worte der Betroffenen als wahr zu unterstützen, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.
Es ging nie darum, eine ganze Gesellschaft öffentlich mit den Abgründen der Menschheit zu überschütten.
Wirklich wirksamer Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt entsteht deshalb nicht durch das Verbot von Social Media oder das Sperren von bestimmten Internetseiten. Wirklich wirksamer Schutz hat mit Haltung zu tun: Mit meiner Haltung.
Deshalb verweigere ich mich, die Epstein Files zu lesen. Das ist nicht mein Job. (Und ich bete für alle, deren Job es ist, dass ihre Herzen und Gedanken bewahrt bleiben, wenn sie sich damit beschäftigen müssen!) Mein Job ist es, an der Seite der Betroffenen zu stehen und die Justiz aufzufordern: Give them their right! Ja, auch als Deutsche, die ja eigentlich nichts mit den Files zu tun hat. Aber ich habe etwas mit Betroffenen sexualisierter Gewalt zu tun. Und für sie ist es wichtig, dass Gerechtigkeit geschieht. Damit sie Mut gewinnen. Damit sie selbst auf Gerechtigkeit hoffen können.
Das Dilemma im Schutz von Betroffenen
Schutz von Betroffenen bedeutet, dass gut abgewogen wird, wie viel Weitergabe von Informationen notwendig ist – und über was Stillschweigen bewahrt werden soll. Nicht, um es zu vertuschen, sondern um die Privatsphäre und Würde der Betroffenen (!) zu wahren. Es braucht Informationen, um den juristischen Sachverhalt zu klären.
Und so bitter es ist, ging es bei der Forderung nach Veröffentlichung im Kern genau darum: Zu zeigen, dass was Betroffene seit Jahrzehnten (!) Polizei, Anwälten, Gerichten, ihren Familien sagen, all die Absurditäten und grotesken, magenverdrehenden Berichte, wirklich wahr ist. Das sind keine Verschwörungstheorie. Da wurden nicht Geschichten erfunden, um berühmt zu werden.
(By the way: Was ist das für eine merkwürdige Vorstellung. Als ob es ein Spaß wäre, sich als Betroffene:r sexualisierter Gewalt zu outen… wie Alexandra Zykunov sinngemäß auf Insta schrieb „Klar, eine Frau sagt so etwas, damit sie sich dann erst recht von Männern beleidigen und abwerten lassen kann.“)
Aber das Erwartete, Erhoffte, Beabsichtigte passiert nicht. Es passiert das exakte Gegenteil. Das ist besonders bitter, weil Opferschutz statt Täterschutz ein starker Grundsatz in der Prävention, Intervention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt ist. Ein Grundsatz, der bei der Forderung nach der Veröffentlichung der Epstein Files nicht vergessen wurde. Man ging ja davon aus, dass die Betroffenen nicht erkennbar sein würden, die Täter:innen dagegen schon. Eine merkwürdige Erwartung, wenn man an Täterstrategien denkt und der zentrale Vorwurf ja lautet: Dem mächtigsten Mann im Land wird vorgeworfen, einer der Täter zu sein.
Nach einem ersten großen Schock und Schweigen greifen deshalb nun wieder die Mechanismen, die auch bisher die Täter geschützt haben.
Und das zeigt: Nicht das Nicht-Wissen oder die fehlende Öffentlichkeit ist das Problem im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Das Problem ist, dass Betroffenen nicht geglaubt wird. Das Relativieren ihres Leids. Das Gaslighten ihrer Geschichten. All das wurde durch die Veröffentlichung nicht anders, sondern bestätigt sich. Der Fall „Epstein-Files“ zeigt deshalb beispielhaft, warum und wie Betroffene durch die Strategien der Täter:innen und durch die Rolle der Öffentlichkeit zum Schweigen gebracht werden (sollen).
Was Du tun kannst und warum Schweigen dazugehört
Aber es gibt Hoffnung – und vor allem viel zu tun. Weil Kinderschutz bei Dir beginnt. Und das ist kein billiger Slogan. Das ist die Wahrheit. Ich traue und mute jedem Menschen zu: Du entscheidest. Vielleicht nicht über jede Situation, die Du erlebst. Vielleicht auch nicht über alles, was Dir widerfährt. Aber Du hast es in der Hand, wie Du damit umgehst.
Das gilt gerade für Dich als betroffene Person: Du darfst Dich dazu entscheiden, darüber zu schweigen oder darüber zu reden. Du entscheidest, wie viel und mit wem Du sprichst. Dadurch entscheidest Du auch mit, was weiter passiert. Du darfst hassen. Aber niemand sagt Dir, was Du zu fühlen hast. Das entscheidest Du. Du bist nicht ohnmächtig. Du bist nicht allein. Da sind Menschen, die auf Deiner Seite, an Deiner Seite sind. Wenn Du willst. Denn Du entscheidest. Und wie Du entscheidest, verändert etwas. Versprochen.
Aber das gilt auch für Dich als Person, die betroffen hört und sieht, wie viel sexualisierte Gewalt andere erlebt haben. Du bist extrem mächtig und wichtig in dem, was Du jetzt tust. Du entscheidest, was Du glaubst, wie Du über Frauen und Kinder, ihre Erfahrungen von (sexualisierter) Gewalt und ihre Berichte redest, urteilst, wie Du sie kommentierst. Das fängt heute an, wenn Betroffene in Berlin demonstrieren. Und es gibt Momente, da ist Schweigen das mächtigste Handeln, zu dem man in der Lage ist. Als Betroffene, um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu haben und zu behalten, aber vor allem als Allys, die Betroffenen zuhören, die das Schweigen brechen.
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